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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - Jüdisches Museum Frankfurt

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AG Deutsch-Jüdische Geschichte

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Verband der Geschichtslehrer Deutschlands

Das Speyerer Judenprivileg 1084
Lesart, Überlieferung, Interpretation... mit einem Faksimilé der Handschrift.

Ergänzung zum Text und Kommentar auf Mittelalter 1.

Speyer1084-Mini

Mussten die in Speyer aufgenommenen Juden vor dem vor dem Pöbel (peioris) oder vor dem Vieh (pecoris) geschützt werden?

Zunächst ist dies eine Frage, wie die Handschrift zu lesen ist. Die seit langer Zeit vorherrschende Lesart mit der Übersetzung “vom Pöbel” für a peioris entspricht der bei Höxter (siehe den ganzen Text auf Mittelalter 1) (alle nachfolgenden optischen Hervorhebungen in den Zitaten sind von uns):

Speyer, 13. September 1084.

. . . Ich,   Rüdiger, auch   Huozmann genannt, Bischof von Speyer. Als ich den Weiler Speyer in eine Stadt verwandelte, glaubte ich die Ehre unseres Ortes noch zu vergrößern, wenn ich die Juden vereinigte. Ich brachte sie darauf außerhalb der Gemeinschaft und des Zusammenwohnens mit den übrigen Bürgern, und damit sie durch den Übermut des Pöbels nicht beunruhigt würden. [...]

Demgegenüber hat Karl Heinz Debus eine andere und ältere Version wieder aufleben lassen:

Ich, Rüdiger, mit Beinamen Huozmann, Bischof von Speyer, glaubte in meinem Bestreben, aus der Kleinstadt Speyer eine Weltstadt zu machen, die Ehre unseres Ortes durch Ansiedlung von Juden noch mehr zu heben. Die herbeigeholten Juden siedelte ich deshalb außerhalb der Gemeinschaft und den Wohnplätzen der übrigen Bürger an und umgab ihre Siedlung mit einer Mauer, damit sie nicht durch Viehherden gestört werden. [...]

Karl Heinz Debus: „Geschichte der Juden in Speyer bis zum Beginn der Neuzeit“, in: Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Speyer: Die Juden von Speyer, Beiträge zur Speyerer Stadtgeschichte Nr.9, Speyer, 3. Aufl. 2004, S.4.

Lateinischer Text des Beginns der Urkunde bei Karl Heinz Debus, op. cit::

In nomine sancte et individue trinitatis. Ego Rüdegerus qui et Huozmannus cognomine, Nementensis qualiscumque episcopus, cum ex Spirensi urben facerem, putavi milies amplificare honorem loci nostri, si et iudeos colligerem. Collectos igitur locavi extra communionem et habitacionem ceterorum civium, et ne a pecoris turbe isolencia facile turbarentur, muro eos circumdedi. ...

Anmerkung von Debus:

Die Urkunde wurde kritisch ediert von A. Hilgard, Urkunden zur Geschichte der Stadt Speyer (Speyer 1885), S.11-12 Nr.11 nach Codex minor Spirensis, GLA Karlsruhe, Abt. 67 Nr.448 (eh. Nr.262) fol.26 und nach den Drucken: S.A. Würdtwein, Nova subsidia diplomatica ad selecta iuris ecclesiastici Germaniae et historiarum capita elucidanda I )Heidelberg 1797) S.125, K.G. Dümgé, Regesta Badensia. Urkunden des grossherzoglich badischen General-Landes-Archives von den ältesten bis zum Schlusse des zwoelften Jahrhunderts (Karlsruhe 1836) S.113 Nr.62 und F.X. Remling, Geschichte der Bischöfe zu Speyer I (Mainz 1852), 1,57 Nr.57.

Karl Heinz Debus, „Geschichte der Juden in Speyer bis zum Beginn der Neuzeit“, in: Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Speyer: Die Juden von Speyer, Beiträge zur Speyerer Stadtgeschichte Nr.9, Speyer, 3. Aufl. 2004, S.4-5 (=Fußnote 40).

Zu den genannten Quellen:

Der Wortlaut entspricht dem bei Hilgard, der einleitend anmerkt:

Orig. nicht mehr vorhanden. - Aus dem Copialb. 262 (antiq. lib. privil.) des GLA zu Karlsruhe, fol. 26. - Gedruckt bei Würdtwein, Nov. subs. 1, 125.      Dümgé, Reg. Bad. 113.      Remling, Urkb. 1, 57.      Vgl. Remling, Gesch. 1, 310.

Urkunden zur Geschichte der Stadt Speyer. Dem Historischen Verein der Pfalz zu Speyer gewidmet von Heinrich Hilgard-Villard. Gesammelt und herausgegeben von Alfred Hilgard, Straßburg, Verlag von Karl J. Trübner, 1885, S.11, Nr.11
Online bei der Universitätsbibliothek Heidelberg

Bei Würdtwein findet sich dagegen die andere Version:

In nomine sanctae & individuae Trinitatis. Ego Rudigerus, qui & Huozmannus cognomine, Nemetensis qualiscumque Episcopus. Cum ex Spirensi villa urbem facerem, putavi melius amplificare honorem Loci nostri, si & judaeos colligerem. Collectos igitur locavi extra communionem & habitationem caeterorum civium, & ne pejoris turbae insolentia facile turbarentur, muro eosdem circumdedi: [...]

Nova subsidia diplomatica ad selecta juris ecclesiastici Germaniae et historiarum capita elucidanda ex originalibus et authenticis documentis congesta, notis hinc inde necessarius illustrata et edita a Stephano Alexandro Würdtwein. Tomus primus, Heidelbergae, sumtibus Tobiae Goebhardt, Bibliopolae universitatis Bambergensis, MDCCLXXXI, S.125. (Unveränderter Nachdruck Minerva, Frankfurt 1969).
Verfügbar online bei Google Books.

Ebenso bei Dümgé, mit  anderen annotierten Varianten:

In nomine sanctae et individuae Trinitatis. Ego Rudigerus, qui et Huozmannus cognomine, Nemetensis qualiscumque Episcopus.
Cum ex Spirensi villa urbem facerem, putavi milies (1) amplificare honorem loci, si et judaeos colligerem. Collectos igitur locavi extra communionem et habitationem caeterorum civium, et ne a pejoris turbae insolentia facile turbarentur, muro eos (2) circumdedi.
[...]

(1) melius  (2) eosdem

Regesta Badensia. Urkunden des Grossherzoglichen Badischen General-Landes-Archives von den aeltesten bis zum Schlusse des zwoelften Jahrhunderts, die im Drucke bereits erschienenen nach ihrem wesentlichen Inhalte mit Anzeige und kurzer Wuerdigung der vorzueglichen Abdruecke, die noch ungedruckten und diesen gleich zu achtenden in einem Anhange mit ausfuehrlichem Texte nebst Erlaeuterungen, Ergaenzungen, Berichtigungen und zwey Registern. Von Dr. Carl George Dümgé, Carlsruhe, Druck und Verlag der G. Braun’schen Hofbuchhandlung, 1836, S.113, Nr.62.
Online verfügbar bei der Universitätsbibliothek Freiburg.

Die gleiche Lesart, mit anderen kleinen Varianten, findet sich bei Remling:

In nomine sancte et individue Trinitatis. Ego Ruodigerus, qui et Huozmannus cognomine, Nemetensis qualiscumque episcopus. Cum ex Spirensi villa urbem facerem, putavi milies amplificare honorem loci, si et iudeos colligerem. Collectos igitur locavi extra communionem et habitacionem ceterorum civium, et ne a peioris turbe insolencia facile turbarentur, muro eos circumdedi, [...]

Urkundenbuch zur Geschichte der Bischöfe zu Speyer, von Franz Xaver Remling, (Aeltere Urkunden.), Mainz, Kirchheim und Schott, 1852, S.57f., Nr.57
Online bei der Universitätsbibliothek Heidelberg.

 

Kommentar zu den Editionen:

Offensichtlich haben Würdtwein und Dümgé das Mittellatein auf das Klassische Latein hin verbessert, wie man an zahlreichen Stellen sehen kann., Hilgard und Remling lassen das Original, unterscheiden sich aber in der Lesart pecoris / peioris.

 

Faksimilé der Handschrift aus dem Codec minor Spirensis von 1281.

Es ist die älteste erhaltene Kopie mit dem Text der Urkunde, also 200 Jahre jünger als ihre Entstehung.

 

Speyer1084

Ausschnittvergrößerung mit Markierung der gesuchten Stelle

Der Scan wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt und für die Online-Veröffentlichung autorisiert vom Landesarchiv Baden-Württemberg / Generalstaatsarchiv Karlsruhe.

Sign. 67 Nr. 448.

Auftrag Nr. 16/2011.

 

Ausschnittvergrößerung unten.

Speyer1084-Ausschnitt

Aus dem Vergleich der Schweibweisen des Buchstabens e ergibt sich, dass es sich wohl um das Wort peioris handelt, das e ist mit dem folgenden i zusammengezogen.

Kommentar:

Damit bleibt unklar, worauf sich die Lesart pecoris bei Hilgard stützt. Natürlich kann bei der Kopie von 1281 bereits der Fehler der Umdeutung von pecoris nach peioris passiert sein, doch ist dies nicht zu beweisen, wenn keine ältere Kopie, geschweige denn das Original, existiert. Hierin erschöpft sich also die formale Interpretation nach der vorliegenden Handschrift.

Die inhaltliche Interpretation lässt freilich Zweifel an der pecoris-Variante zu und dürfte Hilgard und Debus entsprechend beeinflusst haben, so wie auf der anderen Seite die peioris-Version mit dem allgemein im Bewusstsein verankerten  Verfolgungsparadigma harmoniert, einerseits unter dem Eindruck des zwölf Jahre später sich ereignenden Kreuzzugspogroms und andererseits mit der Vorstellung, dieses erste Speyerer jüdische Viertel sei bereits das erste Ghetto gewesen. Doch werden die Juden 1096 zum Schutz vor den Kreuzfahrern ins Innere der Stadt geholt und dort vom Bischof gerettet sowie dann auch dort in der Nähe des Doms angesiedelt, ohne Abgrenzung zur christlichen Umwelt (siehe dazu auf unserer Seite zum Judenviertel in  Speyer auf Mittelalter 3 mit einer entsprechenden Karte).

Eine inhaltlich textkritische Analyse macht es mehr als unwahrscheinlich, dass der Bischof seine eigenen Leute als “Pöbel” apostrophiert, sich aber gleichzeitig von der Ansiedlung der Juden eine Mehrung der “Ehre des Ortes” versprach (er wollte aus der Ansiedlung [villa] eine Stadt [urbs] machen). Speyer sollte für die Kaiser der Salierdynastie so etwas wie eine Hauptstadt des Reiches werden, der in den Jahrzehnten zuvor erfolgte Dombau stand bereits dafür. Wie in Worms schon die herbeigerufenen Juden die Friesen als Fernhändler mit einer neuen Orientierung, nämlich nach Süden, zum Mittelmeer, abgelöst hatten, so passte dies auch in die Pläne des Bischofs von Speyer. Nur gab es für die spontane Ansiedlung der Zugezogenen aus Mainz keinen Platz, deswegen das Provisorium außerhalb mit Schutz vor den Viehherden an diesem noch ländlichen Ort, so die Logik nach der pecoris-Interpretation. Nach dem in Speyer fehlgeschlagenen Pogrom von 1096 wurde für die Juden in der Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Doms Wohnraum geschaffen, wo dann die dauerhafte Ansiedlung bis ins 14. Jh. entstand.

 

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