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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - Jüdisches Museum Frankfurt

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AG Deutsch-Jüdische Geschichte

im

Verband der Geschichtslehrer Deutschlands

Trialog -
Interkulturelle Begegnung / interkultureller Dialog
zwischen Christen, Juden und Muslimen

Im Aufbau

Diese Seite widmet sich verschiedenen Themen der interkulturellen Begegnung zwischen den Kulturen im Mittelalter sowie dem interkulturellen Austausch und Dialog zwischen Abendland und Morgenland unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Juden als Vermittler.

 

Übersicht:

1. Links und Infos

2. Das Rätsel der Radaniten - Fernhändler im frühen Mittelalter

Links und Infos:

Juden, Christen und Muslime. Interkultureller Dialog in alten Schriften. Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien 2010. Auf der Website des Museums gibt es eine Bildergalerie von illustrierten Handschriften aus dem Mittelalter, Startseite hier, Presseinfo mit Bildern: hier, zur Galerie hier. Weitere Infos auch im Newsletter der Nationalbibliothek: hier.

 

Weiteres folgt...

Losbuch_II_klein

Aus dem Losbuch, Mittelrhein/Hessen, Limburg a.d. Lahn?  um 1370. Deutsches astrologisches Buch in Reimpaaren.
Die zwölf “Meister” unter dem Planetenhimmel.
Original auf der Seite des Museums: hier.
Info zu dieser Handschrift: hier.

Das Rätsel der Radaniten - Fernhändler im frühen Mittelalter

Aus einer arabischen Quelle, nämlich dem 867/885 verfassten Buch al-Kitab al Masalik w’al Mamalik („Buch der Straßen und Königreiche”) von Ibn Khordadbeh (in engl. Transkription auch: Ibn Khurradhādhbe),  sind Radaniten genannte Fernhändler (andere Schreibweisen: Rhadaniten, Radhaniten) bekannt, die einen weit gespannten West-Ost-Handel betrieben. Diese Quelle wird häufig im Internet und in zahlreichen Schulbüchern als Beleg für den weitgespannten jüdischen Fernhandel im frühen Mittelalter zitiert, allerdings mit einem Zitat auf der Grundlage eine fragwürdigen Quelle. Dies soll hier in den wichtigsten Punkten dargelegt werden.

Man kann in dem Begriff eine Ableitung von Rhodanices sehen (von lat. Rhodanus = die Rhône) und so als Bezeichnung für jüdische Händler interpretieren, die einen Handelsweg über das Mittelmeer von der Rhône aus unterhielten; eine weitere und in der Zwischenzeit wohl international bevorzugte Herleitung des Namens bezieht sich auf einen Landstrich bei Bagdad bzw. einen Vorort der Stadt als geographische Herkunftsbezeichnung [1] – oder aber leitet sich das Wort vom Begriff für „Leute, die unterwegs waren“ her (frz. „routiers“ laut Blumenkranz [2].

Die daraus zitierte Quelle ist folgende (cf. Wikipedia):

„Diese Kaufleute sprechen Persisch, Romanisch (Griechisch und Lateinisch), Arabisch, fränkische Sprachen, Spanisch und Slawisch. Sie reisen vom Okzident in den Orient und vom Orient in den Okzident, bald zu Lande und bald zu Wasser. Aus dem Okzident bringen sie Eunuchen, weibliche Sklaven und Knaben, Seide,[10] Pelztierwaren und Schwerter. Sie schiffen sich im Land der Franken auf dem Mittelmeer ein und steuern Farama an (nahe den Ruinen des alten Pelusium gelegen); dort laden sie ihre Waren auf Lasttiere und begeben sich bei einer Entfernung von 20 farsakhs (Maßeinheit von ungefähr 5,6 km) in fünf Tagesmärschen nach Kolzoum (= Suez). Auf dem östlichen Meer (= Rotes Meer) fahren sie nach El-Djar (Hafen von Medina) und nach Djeddah; dann begeben sie sich nach Sind (= Persien), Indien und China. Auf ihrem Rückweg haben sie Moschus, Aloë, Kampfer, Zimt und andere Produkte aus den orientalischen Gegenden geladen und erreichen Kolzoum, dann Farama, wo sie sich wieder auf dem Mittelmeer einschiffen. Manche setzen die Segel nach Konstantinopel, um dort ihre Waren zu verkaufen; andere begeben sich in das Land der Franken.
Manchmal nehmen die jüdischen Kaufleute auf dem Mittelmeer Kurs auf Antiochia am Orontes. Nach drei Tagesmärschen gelangen sie an die Ufer des Euphrat und kommen nach Bagdad. Dort befahren sie den Tigris bis nach Basra, von wo sie nach Oman segeln, nach Persien, Indien und China. Sie können also ohne Unterbrechung reisen.“
.“[11]

Für die Seide gibt Wikipedia die unter Fußnote 10 eingefügte Erklärung, 11 verweist auf die französische Ausgabe, die für Wikipedia offenbar ins Deutsche übersetzt wurde.

Die verschiedenen, auch im Internet (siehe Wikipedia), kursierenden französischen, englischen und deutschen Übersetzungen des Textes sind jedoch inhaltlich nicht identisch, sie weichen zum Teil sogar erheblich voneinander ab, was wohl auf zwei unterschiedliche Vorlagen zurückgeht. In der von J. de Goeje edierten und ins Französische übersetzten Version des Buches von Ibn Khordadhbeh, die auf der Fassung von Kodama ibn Dja’far basiert, findet sich der Hinweis auf die Juden in der Überschrift des entsprechenden Abschnittes: „Der Weg der jüdischen Händler, genannt ar-Rââdhânyya“ [3], allerdings ist auch von anderen Händlern die Rede, nämlich den „Russen“ (wohl die Waräger, Begründer des Reiches Rus, Ar-Rus auf arabisch), auf die auch der in diesem Zusammenhang genannte Sklavenhandel hinzuweisen scheint. Denn die Lieferung von Sklaven aus dem Frankenreich in den Orient, wie im Text angedeutet wird, ist wenig wahrscheinlich, obwohl es Sklavenhandel in Europa gab. Allerdings kamen diese vor allem aus dem noch heidnischen Osten Europas, weswegen auch wohl das Wort Sklave  von Slave entstanden ist - dazu mehr weiter unten.  Absolut unwahrscheinlich ist jedoch die Lieferung von Seide aus dem Abendland ins Morgenland, wie anderweitig veröffentlichte Versionen berichten (wahrscheinlich auf das Buch von Ibn al-Faqih, Kitab al-Buldan, zurückzuführen, eine Kompilation mit einer entsprechenden Passage, die jedoch umfangreicher ist als die erhaltene Fassung des Originals von Ibn Khordadbeh und folglich vom Kompilator ergänzt wurde).

Hier weist also schon eine Plausibilitätsprüfung auf die Problematik der Überlieferung hin: Seide wurde damals gewiss nicht aus dem Westen in den Osten exportiert, auch wenn das Geheimnis der Seidenraupenzucht schon ins arabische Andalusien gelangt war. Grundsätzlich gilt wohl: Ibn Khordadbehs Informationen waren offensichtlich um so dürftiger und unklarer, je weiter die entsprechende Region entfernt lag, was ja auch keineswegs überraschend ist. Blumenkranz weist eine ganze Reihe von tendenziösen Fehlschlüssen hinsichtlich eines weltumspannenden Netzes jüdischer Händler in verschiedenen Publikationen nach, wo aus „Händlern aus dem Westen“ schlicht „jüdische Händler“ werden. [4] Auch Michael Toch problematisiert die überzogene Interpretation der einzigen Quelle dieser Art. [5]

Doch unabhängig von dieser Quelle gibt es durchaus auch jüdische Berichte über Handelsreisen nach Osteuropa, außerdem haben die Chasaren (oder Chazaren, Khazaren) – ein damals nördlich des Schwarzen Meeres ansässiges Turkvolk, das um 800 zum Judentum übergetreten ist (vielleicht auch nur dessen Führung) – sicher eine Rolle beim euroasiatischen Handel gespielt. Für den damaligen Sklavenhandel war Byzanz als Abnehmer von Bedeutung, ja vielleicht die Drehscheibe für einen interkontinentalen Handel: Dort ist damals ja auch die neue Bezeichnung Sklavos für Sklave im Griechischen entstanden, die Herkunft aus dem Land der Slaven verdeutlichend, und die Bedeutung des Sklavenhandels wird durch die Übernahme dieses Wortes in den westeuropäischen Sprachen unterstrichen. So können jüdische Händler an diesem Handel beteiligt gewesen sein ohne deswegen Sklaven aus dem fernen Westen in den Osten gebracht zu haben, vielleicht wurde dies einfach nur mir der Herkunft der Händler aus dem Westen vermischt. Eine andere arabische Quelle (al-Gahiz zugeschrieben) aus dem 9. Jh. berichtet ausführlich über die Handelsbeziehungen und listet darunter „Sklavinnen und Eunuchen“ aus Byzanz sowie „Sklaven und Sklavinnen“ aus dem Lande der Chazaren auf [6]. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Information von Liutprand von Cremona, der von seiner Reise nach Konstantinopel 944 berichtet, dass die Byzantiner umgekehrt junge Eunuchen als Sklaven aus Kharezem (Chorezm), also aus einem islamischen Gebiet, erhielten und zum Teil weiter nach Westen verkauften [7]. Dieser Handel wurde wohl über die Route nördlich des Schwarzen Meers und des Kaspischen Meers abgewickelt.

Auch die in der zitierten Fassung des Buches von Ibn Khordadbeh genannten Waren, die vom Westen (im weiteren Sinne des Wortes) in den Osten gebracht wurden, nämlich vorwiegend Pelze, deuten auf eine nord- bzw. nordosteuropäische Herkunft hin und keinesfalls auf Frankreich oder Spanien. Die bei Ibn Khordadbeh genannten Sprach-kenntnisse der jüdischen Händler weisen ferner darauf hin, dass sie wohl in Wirklichkeit aus dem arabisch-persischen Raum kamen, da Persisch als eine Sprachen genannt wird, derer sie mächtig waren, weswegen die Forscher auch eine im Irak lokalisierte Erklärung für den Begriff „Radhaniten“ favorisieren (siehe oben). Somit scheint es sich eher um orientalische Juden zu handeln, die von dort aus vielleicht nach West und nach Ost reisten [8], oder sie hatten nur die letzte Etappe der Handelsroute nach Bagdad unter ihrer Kontrolle und Ibn Khordadbeh dachte deswegen, dass sie den ganzen Handel abwickelten.

So unklar die Verbindungen nach Westen sind, so deutlicher sind sie jedoch nach Osten. So ist erwiesen, dass sich im Mittelalter in der chinesischen Handelsmetropole Kaifeng eine jüdische Gemeinde etabliert hat (am östlichen Ende der Seidenstraße) und dass es auf dem Seeweg nach China im Indischen Ozean Niederlassungen jüdischer Kaufleute gab, z.B. auf Ceylon (siehe Anm. 7). Trotzdem ist es kaum vorstellbar, dass diese interkontinentalen Handelsbeziehungen ausschließlich von Juden aufrecht erhalten wurden. Plausibler erscheint, dass sie ein Teil des Handelssystems entlang der Seidenstraße oder zur See über den Indischen Ozean waren, das im Kern bereits seit der Antike existierte, und dass die Beschreibung von Ibn Khordadbeh somit aussagekräftiger hinsichtlich der Handelsrouten als hinsichtlich der vermeintlich exklusiven Herkunft und Identität der Händler ist.

 

[1] Cf. Norman A. Stillman, The Jews of Arab Lands. A History and Source Book, Philadelphia (The Jewish Publicaton Society of America) 1979, 34, sowie Mark R. Cohen, Unter Kreuz und Halbmond. Die Juden im Mittelalter, München (Beck) 2003, 89. [Orig. Princeton 1994], beide mit Bezug auf: Moshe Gil, “The Rādhānite Merchants and the Land of Rādhān”, in: Journal of the Economic and Social History of the Orient 17, 3 (1974), 299-328.
[2] Berhard Blumenkranz Juifs et Chrétiens dans le monde occidental, 430-1096, Paris / La Haye (Mouton) 1960, 14.
[3] “Itinéraire des marchands juifs, dits ar-Rââdhânyya“, in: Kitâb al-masâlik wa’l mamâlik auctore Abu’l-Kâsim Obaidallah ibn Abdallah Ibn Khordadhbeh, accedunt excerpta e Kitâb al-kharâdj auctore Kodâma ibn Dja’far, Lugduni-Batavorum [=Leiden], 1889, pp.114-116. reed.: Publications of the Insitute für the History of Arabic-Islamic Science, Islamic Geography, Vol. 39, Univ. Frankfurt a.M., 1992.
[4] Blumenkranz, op. cit., 13-15.
[5] Michael Toch, „Netzwerke im jüdischen Handel des 10.-12. Jahrhunderts“, Vortrag auf der Tagung Netzwerke im europäischen Handel des Mittelalter des Konstanzer Arbeitskrieses für mittelalterliche Geschichte e.V., 11.-14.2.2008, S.9. Online hier
[6] aus: [al-Gahiz]: At-Tabassur bit-tigara, nach: Bernard Lewis (Hg.), Der Islam von den Anfängen bis zur Eroberung von Konstantinopel, Bd.2, Zürich/München (Artemis), 1982, S.194.
[7] Cf. Norbert Ohler, Reisen im Mittelalter, Düsseldorf / Zürich (Patmos / Artemis & Winkler), Liz.ausg. WBD Dasrsmstadt, S.135. Quelle in: Rudolf Buchner (HG.), Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Darmstadt (WBG), Bd.8, S.491.
[8] cf. Tadeusz Lewicki, “Les commerçants juifs dans l’Orient islamique non méditerranéen au IXe-XIe siècle », in : Gli Ebrei nell’alto medioevo, Settimane di studio del Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo XXVI, Spoleto 1980, t.1, 375-400.

W. Geiger

Dieser Text wurde übernommen aus dem Beitrag
„Privilegien“ oder „green card“ des Medium Aevum: Der Weg jüdischer Händler an den Rhein im frühen Mittelalter. Eckpunkte für eine wissenschaftliche Betrachtung in didaktischer Absicht
auf www.historia-interculturalis.de

 

 

 

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