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Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer


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hlands (VGD)

Bibliographie / Rezensionen 2

Seite 2

Hier im Anschluss:

1. Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und ├ľsterreich 1867 bis 1914, G├Âttingen 2004.
2. Avraham Barkai: "Wehr Dich!”. Der Centralverein deutscher Staatsb├╝rger j├╝dischen Glaubens (C. V.) 1893-1938, M├╝nchen, C.H. Beck, 2002. (hier)
3. Dietz Bering: Kampf um Namen: Bernhard Wei├č gegen Joseph Goebbels, Stuttgart, Klett-Cotta, 1991.(hier)
4. Hannes Ludyga: Die Rechtsstellung der Juden in Bayern von 1819 bis 1918. Studie im Spiegel der Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten des bayerischen Landtags. Berlin, Berliner Wissenschafts-Verlag, 2007 (Juristische Zeitgeschichte, Abt. 8: Judaica, Bd.3)  (hier)
5.
Falk Wiesemann: Judaica bavarica. Neue Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern, Essen, Klartext Verlag, 2007. (hier)
6. Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941-1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs W├╝rzburg und des Instituts f├╝r Zeitgeschichte M├╝nchen-Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, M├╝nchen 2003. (hier)

Wird erweitert...

 

Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und ├ľsterreich 1867 bis 1914,. G├Âttingen, Vandenhoek &  Rupprecht,  2004, 381 S. 29,90 ÔéČ

Warum wird ein wissenschaftliches Werk vierzig Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen erneut aufgelegt? Und ist nicht die Forschung zum politischen Antisemitismus ├╝ber den damaligen Stand hinaus weitergegangen? 

Peter Pulzer, Autor des vorliegenden Werkes, wurde 1929 in Wien geboren und lebt seit 1939 in Gro├čbritannien. Dort ist er Gladstone Professor Emeritus of Government and Public Administration am All Souls College, Oxford, und Vorsitzender des Leo Baeck Instituts London. Es gibt kaum eine englisch- oder deutschsprachige Arbeit zum politischen Antisemitismus, die seiner Pionierstudie nicht direkt oder indirekt verpflichtet w├Ąre, so kommentieren Dan Diner und Nicolas Berg im Nachwort die erweiterte Neuausgabe. Das Buch erschien zum ersten Mal auf englisch im Jahre 1964, zwei Jahre sp├Ąter die deutsche Fassung. Damit setzte der Autor einen Standard, der nicht nur die meisten Beitr├Ąge seiner Zeit hinter sich lie├č, sondern auch h├Ąufig nicht mehr erreicht wurde.

Bemerkenswert ist bereits sein thematischer Zugriff im ersten Kapitel. Dieses widmet sich nicht wie vielleicht vom Titel erwarten ist, den Antisemiten, sondern vielmehr den Juden und ihrem gesellschaftlichen Umfeld. So konstatiert er eingangs: ÔÇ×Einer Studie des Antisemitismus, mu├č, wie kurz sie auch sei, eine Untersuchung der Menschen voraufgehen, gegen die er sich richtete“ (S. 69). Damit nahm Pulzer den Perspektivwechsel vorweg, der mittlerweile in der Didaktik f├╝r die Auseinandersetzung mit der Geschichte Juden in Deutschland eingefordert wird. Der sozialstrukturellen Skizze im ersten Kapitel folgt im n├Ąchsten Kapitel die Kernthese. Pulzer deutet den Antisemitismus als Gegenbewegung zum Liberalismus. Dabei m├Âchte er den Liberalismus als umfassende Ideologie, ÔÇ×eine Gesamtheit sittlicher Qualit├Ąten“, verstanden wissen. Anhand verschiedener Denkfiguren (z.B. Romantischer Konservatismus, Kult des V├Âlkischen) belegt er die antiliberale Tendenz und Sto├čkraft des Antisemitismus.

In zwei weiteren systematisch angelegten Kapiteln werden parallel jeweils die Entwicklungen in Deutschland und ├ľsterreich zwischen 1867 und 1900  geschildert, um dann die Darstellung in ein weiteres gemeinsames Kapitel ├╝ber Deutschland und ├ľsterreich 1900 – 1914 m├╝nden zu lassen. In diesen Kapiteln werden die wichtigsten antisemitischen Vordenker und die Organisationsformen der Antisemiten vorgestellt, aber auch die Fragen nach der sozialen Tr├Ągerschaft des Antisemitismus, nach Aufstiegsbedingungen der antisemitischen Bewegungen oder dem Einfluss antisemitischen Gedankengutes auf politische Parteien und Verb├Ąnde aufgegriffen.

Die intellektuelle Bandbreite dieses vierzig Jahre alten Werkes ist f├╝rwahr beeindruckend und macht erkl├Ąrlich, warum Pulzers Werk Ausgangpunkt f├╝r zahlreiche Spezialstudien wurde. Was w├╝rde Pulzer im Jahr 2004 anders schreiben? Pointiert bring er es auf die Formel: ÔÇ×Die ideologische Komponente des Nationalismus und der popul├Ąren v├Âlkischen Bewegung, insofern sie zunehmend in der Bev├Âlkerung verankert waren, sollte insgesamt st├Ąrker betont werden.“ (S. 50). 

Die erweiterte Neuausgabe enth├Ąlt eingangs einen 45seitigen Bericht ├╝ber den aktuellen Forschungsstand. Kenntnisreich bilanziert Pulzer darin die Ergebnisse der vergangenen Jahre und skizziert die vielf├Ąltigen Fragestellungen. Deutlich wird, dass die Antisemitismusforschung von vereinfachenden Interpretationsmustern weit entfernt ist. Es gibt nunmehr viel verl├Ąsslichere Informationen ├╝ber den in Parteien organisierten Antisemitismus, sowohl in Deutschland als in ├ľsterreich und es wird verst├Ąndlicher, wie ungereimt der Inhalt der antisemitischen Propaganda und Rhetorik in sehr vielem war. Der wohl ergiebigste Teil der j├╝ngsten historischen Forschung besteht in der Neubewertung der sich ver├Ąndernden politischen und sozialen Struktur des Deutschen Reiches und Mitteleuropas in der Zeit von 1870 bis 1914.  Diese macht deutlich, warum der moderne Antisemitismus ÔÇ×nur in einem Jahrhundert gedeihen [konnte], das vom Liberalismus bereits mit dem Grundsatz der Beteiligung des Volkes an der Regierung bereits vertraut gemacht worden war“ (S. 49). Trotz aller Unterschiede in der Interpretation sind sich die meisten Historiker dar├╝ber einig, dass der Antisemitismus in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr auf die etwas kl├Ąglichen Parteien und die antisemitisch beeinflussten Verb├Ąnde beschr├Ąnkt war.

Pulzer verweist auch auf weiterhin bestehende Forschungsdesiderate. F├╝r den Antisemitismus in ├ľsterreich gebe es noch keine Darstellung, welche die unterschiedlichen antisemitischen Str├Âmungen hinreichend gegeneinander abw├Ągen w├╝rde. Auch ist die ÔÇ×Kontinuit├Ątsfrage“ f├╝r ihn noch nicht beantwortet. Im Gegensatz zu einigen Autoren mag er schwerlich von einer Kontinuit├Ąt des Antisemitismus seit 1848 oder dem Vorm├Ąrz sprechen. Einen ÔÇ×modernen“ Antisemitismus gebe es erst, seit es ÔÇ×moderne“ Politik im deutschsprachigen Raum gebe, d.h. seit ca. 1870. 

Der Forschungs├╝berblick wird durch 14 Seiten abgerundet mit Hinweisen auf empfehlenswerte Literatur zur Geschichte des Antisemitismus. Dieser Literatur├╝berblick ist nach thematischen und chronologisch orientierten Darstellungen geordnet und auf dem Stand gegenw├Ąrtigen Diskurses.

Die Neuausgabe des Buches ist nicht nur ein Gewinn aufgrund des Forschungs├╝berblickes, sondern Pulzers pr├Ąziser und anschaulicher Schreibstil ├Âffnet dem Leser auch zahlreiche Perspektiven, so dass das Attribut ÔÇ×Klassiker“  berechtigt ist.

Martin Liepach
Frankfurt

Zuerst erschienen in: Geschichte Politik und ihre Didaktik 34, 2006, Heft 1/2, S. 106-107

 

 

Avraham Barkai: “Wehr Dich!”. Der Centralverein deutscher Staatsb├╝rger j├╝dischen Glaubens (C. V.) 1893-1938,. M├╝nchen, 2002, C.H. Beck,  496 Seiten

Der "Centralverein deutscher Staatsb├╝rger j├╝dischen Glaubens" (C. V.), der 1893 in Berlin gegr├╝ndet wurde, entwickelte sich zur gr├Â├čten Organisation der deutschen Judenheit vor 1933. Im Jahre 1924 besa├č er mehr als 630 Ortsgruppen mit ├╝ber 70.000 Mitgliedern. Dennoch ist der C.V. im Vergleich etwa zur Zionistischen Vereinigung bislang wenig erforscht. Ein Grund war lange Zeit die Quellenlage. Der Verein selbst vernichtete 1933 das Schriftgut ├╝ber seine politische Abwehrarbeit. Die verbliebenen Akten und die Unterlagen aus den folgenden Jahren wurden 1938 von der Gestapo beschlagnahmt und galten seither als verschollen. Erst die Entdeckung dieses Materials im Moskauer Sonderarchiv zu Beginn der 1990er Jahre erm├Âglichte eine Erforschung des C.V. auf zuverl├Ąssigerer Quellenbasis.

Der Historiker Avraham Barkai hat nun eine Vereinsgeschichte vorgelegt, die von der Gr├╝ndung bis zur zwangsweisen Aufl├Âsung im Jahre 1938 reicht. Seine wichtigsten Quellen sind die entdeckten Akten des C.V. und dessen Publikationen, darunter die Zeitungen "Im deutschen Reich" und  "C.V.-Zeitung". Als Motiv f├╝r seine Arbeit nennt der bekennende Zionist Barkai die Einsicht, "da├č die j├╝dische oder zumindest die zionistische Historiographie dem Centralverein eine Rehabilitation schuldet". Der bis in j├╝ngste Zeit erhobene Vorwurf, der Verein w├Ąre eine Bewegung von "Assimilanten" gewesen, die ihr "Judentum" zugunsten des "Deutschtums" aufgegeben h├Ątten, sei unberechtigt. Dabei will Barkai keine Gesamtdarstellung des C.V. schreiben. Vielmehr versteht er sein Buch als Ideengeschichte. Im Zentrum steht die ideologische Entwicklung des Vereins und das Selbstverst├Ąndnis seiner Mitglieder, die die Diskussionen innerhalb der deutschen Judenheit wesentlich beeinflu├čten.

Die Gr├╝ndung des C.V. war eine Reaktion auf das Erstarken des Antisemitismus in Deutschland seit den 1870er Jahren. Ein selbstbewu├čtes j├╝disches B├╝rgertum wollte die Verteidigung der Errungenschaften der Emanzipation in die eigenen H├Ąnde nehmen. Dabei beschritt man einen Weg, der dem "politischen Massenmarkt", der sich in Deutschland entwickelt hatte, angemessen war: die au├čerparlamentarische Beeinflussung der Politik durch Vertreter spezifischer Sonderinteressen. Entsprechend pr├Ąsentierte sich der C. V. als Organisation zur Vertretung der j├╝dischen Belange.

Die konkrete Abwehrarbeit umfa├čte u.a. die Abgabe von Empfehlungen im Vorfeld politischer Wahlen oder die Aufkl├Ąrungsarbeit unter Nichtjuden durch Publikationen und Vortr├Ągen. Ein gro├čer Teil der t├Ąglichen Arbeit bestand in der Unterst├╝tzung j├╝discher B├╝rger bei rechtlichen Auseinandersetzungen, denn die C.V.-Gr├╝nder, von denen viele Juristen waren, bek├Ąmpften gem├Ą├č ihrer liberalen Prinzipien den Antisemitismus vor allem auf dem Rechtsweg.

Ideologisch sah sich der Verein in der Tradition eines Gabriel Riesser und vertrat das Ideal der "deutsch-j├╝dischen Symbiose". Zwar betonte er in seinen Publikationen besonders das "Deutschtum", aber dieses Bekenntnis ging nicht zu Lasten des "Judentums". Augenf├Ąllige Indizien hierf├╝r sind etwa die Ablehnung der Konversion und die Mitarbeit des gem├Ą├čigten Fl├╝gels der Orthodoxie. Rabbiner Hirsch Hildesheimer geh├Ârte sogar dem Vorstand an. Die extreme Richtung der Separat-Orthodoxie freilich blieb dem Verein fern.

Seit dem Ersten Weltkrieg f├╝hrte der C.V. innerhalb der deutschen Judenheit einen "'Zweifrontenkrieg'". Auf der einen Seite stand der Zionismus. Der im Weltkrieg anschwellende Antisemitismus, der die Juden u.a. der Dr├╝ckebergerei bezichtigte, erhielt 1916 durch die "Judenz├Ąhlung" im deutschen Heer quasi die amtliche Anerkennung. Diese Entwicklung best├Ąrkte alle jene, die die "deutsch-j├╝dische Symbiose" f├╝r eine Illusion hielten. Hinzu kam, da├č die Errichtung eines j├╝dischen Nationalstaates mit der Balfour-Erkl├Ąrung in den Bereich des M├Âglichen r├╝ckte. Auf der anderen Seite stand der 1921 gegr├╝ndete "Verband nationaldeutscher Juden", der eine v├Âllige Assimilation bis hin zur Aufgabe der Religionsriten forderte, um die Juden g├Ąnzlich in die deutsche "Volksgemeinschaft" zu integrieren. Er wandte sich entschieden gegen die Haltung des C.V., die durch "Halbheiten und Widerspr├╝chen" charakterisiert sei.

Mit der Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten endete die innerj├╝dische Diskussion um die Stellung der Juden in Deutschland und zum "Deutschtum" nicht schlagartig. Der C.V. favorisierte auch unter den sich dramatisch verschlechternden Existenzbedingungen zun├Ąchst den Verbleib. Sp├Ątestens mit den "N├╝rnberger Gesetzen" vom September 1935 jedoch konnten sich auch die gr├Â├čten Optimisten im C.V. keiner Illusion mehr ├╝ber die Zukunft der Juden in Deutschland hingeben. Entsprechend ├Ąnderte sich die Haltung des Vereins zur Auswanderung.

Barkais Studie beeindruckt durch ihre Quellenn├Ąhe. Allerdings wird die Freude durch einige Wermutstropfen getr├╝bt. Die Darstellung bewegt sich nicht immer auf der H├Âhe des aktuellen Forschungsstandes. Beispielsweise verwundert es angesichts des ideengeschichtlichen Ansatzes, da├č die Arbeiten von Ulrich Sieg g├Ąnzlich ignoriert werden. Auch die Literatur, die unmittelbar den C.V. betrifft, ist nicht ersch├Âpfend ber├╝cksichtigt. So scheint der Verfasser Dietz Berings Abhandlung ├╝ber die Struktur der politischen Perspektiven im C.V. nicht zu kennen. Problematisch ist zudem die fast ausschlie├čliche Konzentration auf Berlin, denn inhaltliche Diskussionen gab es auch in der "Provinz". Die diversen Stellungnahmen von Landesverb├Ąnden und Ortsgruppen, die nach Berlin gelangten, belegen dies eindringlich. Schlie├člich sind angesichts ihrer gro├čen Zahl jene M├Ąngel zu erw├Ąhnen, die nicht allein dem Verfasser, sondern auch dem Lektorat anzulasten sind: Fehlerhafte Literatur- und Quellenangaben, ein Literaturverzeichnis, das nur einen Teil der im Anmerkungsapparat zitierten Werke umfa├čt, und falsche Lebensdaten bei f├╝hrenden Pers├Ânlichkeiten. Bemerkenswert ist auch die – wohl auf einer Namensverwechslung beruhende - Sch├Âpfung eines virtuellen C.V.-Mitglieds: Ein "Ernst Hirschfeld", der im Werk zweimal auftaucht, ist in den genannten Quellen nicht zu finden. Dennoch schl├╝pfte er durch die Endredaktion und schaffte auch noch den Einzug ins Personenregister.

Das Verdienst von Avraham Barkai ist es, einen wichtigen Forschungsgegenstand der deutsch-j├╝dischen Geschichte in Erinnerung gebracht zu haben. Es ist zu w├╝nschen, da├č seine Darstellung Ansto├č zu weiteren Studien ├╝ber den C.V. gibt.

Richard Mehler
W├╝rzburg

Zuerst erschienen in: WerkstattGeschichte, 35 (2003), S.154-156

 

 

Dietz Bering: Kampf um Namen Bernhard Wei├č gegen Joseph Goebbels, Klett-Cotta, Stuttgart 1991,  527 S.

┬╗K├╝nftige Historiker des deutschen Niedergangs m├Âgen beurteilen, ob in dem Kampf gegen Dr. Bernhard Wei├č nicht ein besonders tiefes Tal der Kultur erreicht worden ist┬ź, notierte der Journalist und Rechtsanwalt Rudolf Olden 1932 im ┬╗Tagebuch┬ź. Das Verm├Ąchtnis der l├Ąngst ├╝berf├Ąlligen Bewertung l├Âst der K├Âlner Sprachwissenschaftler Dietz Bering mit seinem Buch ├╝ber die Auseinandersetzung zwischen Bernhard Wei├č und Joseph Goebbels ein.

Wei├č machte als ungetaufter Jude eine unvergleichliche Karriere. Noch im Sommer 1918 wurde er stellvertretender Leiter der Berliner Kriminalpolizei. In ersten Jahren der Weimarer Republik f├╝r die Verfolgung von Verbrechen aus politischen Motiven zust├Ąndig, wurde er 1925 Chef der Berliner Kriminalpolizei. 1927 Polizeivizepr├Ąsident und damit eine bekannte ├Âffentliche Figur. Goebbels war ab November 1926 Gauleiter von Berlin-Brandenburg. 1927 gr├╝ndete er sein eigenes NS-Wochenblatt ┬╗Der Angriff┬ź. Wie gegen keine zweite Person hetzten Goebbels und sein Kampforgan mit permanenten Verleumdungen. Unterstellungen und Polemiken gegen Wei├č.

In Ankn├╝pfung an sein Buch ┬╗Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag, 1812-1933┬ź, das die Struktur des Markierungssystems j├╝discher Namen nachzeichnete, geht es Bering in seiner neuen Darstellung darum, die Sch├Ąrfe des tats├Ąchlichen Gebrauchs der Markierungen durch Instrumentalisierung der Namenspolemik im politischen Alltag der Weimarer Republik aufzuzeigen. Dabei sollen die Angriffe Goebbels auf Wei├č nicht als singul├Ąre, besonders absto├čende Erscheinung verstanden werden, sondern sie bilden die Zuspitzung des Gebrauchs antisemitischer Namenswaffen. Bering analysiert die Wirksamkeit des Antisemitismus im Sprachgebrauch und die Grundlagen, auf die er sich beziehen konnte. Die exemplarische Beschreibung der auf Wei├č gerichteten Namensattacken l├Ą├čt erahnen, welchen vielf├Ąltigen Aggressions- und Destruktionsweisen j├╝dische B├╝rger durch Namenspolemik ausgesetzt waren.

Der Blick bleibt daher notwendigerweise nicht auf die beiden Kontrahenten beschr├Ąnkt. Mit sehr detaillierten ├ťberlegungen zu seiner Vorgehensweise verleiht der Autor seiner Darstellung ein hohes Ma├č an Transparenz und Systematik. Neben getrennten biographischen Skizzen der beiden Protagonisten bis zum Kulminationspunkt bereitet er durch die Darstellung sprach- und allgemeinhistorischer Erkenntnisse den Boden, auf dem die Auseinandersetzungen Goebbels contra Wei├č historisch angemessen rekonstruiert und bewertet werden k├Ânnen. Die Destruktionskraft des Namens ┬╗Isidor┬ź, mit dem Goebbels Wei├č belegte, wird erst auf seinem N├Ąhrboden verst├Ąndlich. Konnotation und Assoziation dieses Namens waren derma├čen negativ belegt, da├č Wei├č alle Prozesse gewann, die er wegen dieses Schm├Ąhnamens anstrengte. Vor dem Reichsgerichtshof mu├čte die Staatsanwaltschaft nicht erst beweisen, da├č lsisdor eine Beleidigung war, sondern das Wort selber diente als Beweis f├╝r das Vorliegen einer Beleidigung.

Bei den Angriffen gegen Wei├č ging es nicht nur um die Verachtung gegen ├╝ber seiner Person. Die massenhaften Angriffe richteten sich gegen ihn, weil mit ihm zugleich ein Symbol der j├╝dischen Emanzipation und der Wehrhaftigkeit des ersten demokratischen deutschen Staates getroffen wurde. Wei├č sa├č in der Schaltstelle Berlins, und wer Berlin hatte, der hatte Preu├čen, und wer Preu├čen hatte, der hatte das Reich. Wei├č wu├čte das. Solang es ihm aussichtsreich erschien, focht er die Auseinandersetzungen mit ├Âffentlichen Prozessen aus. Wei├č wehrte sich weiterhin, als bereits zahlreiche Republikaner die Seiten gewechselt oder aufgegeben hatten. Im Mai 1932 verhaftete er im Reichstag nationalsozialistische Abgeordnete, nachdem diese zuvor einen sozialdemokratischen Parlamentarier zusammengeschlagen hatten. Beim Preu├čenschlag Papens war er der erste im Polizeipr├Ąsidium, der die Rechtm├Ą├čigkeit der Absetzung anzweifelte und Polizeipr├Ąsident Grzesinski bewegte, mit einen Protestbrief an den neuen lnnenminister Bracht in die ├ľffentlichkeit zu treten.

Die Verkn├╝pfung historischer, sozialpsychologischer und sprachwissenschaftlicher Elemente, verbunden mit einer klaren Darstellung, und die l├Ąngst f├Ąllige W├╝rdigung des Kampfes Bernhard Wei├č' machen das Werk Berings zu einer empfehlenswerten Lekt├╝re.

Martin Liepach
Frankfurt

Zuerst erschienen in: Archiv f├╝r Sozialgeschichte, 1994, S. 668-669

 

 

Hannes Ludyga: Die Rechtsstellung der Juden in Bayern von 1819 bis 1918. Studie im Spiegel der Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten des bayerischen Landtags. Berlin, 2007 (Juristische Zeitgeschichte, Abt. 8: Judaica, Bd.3) Berliner Wissenschafts-Verlag, 479 Seiten

Die Emanzipation der Juden, die sich in Europa seit dem Ende des 18. Jahrhundert Bahn brach, war zun├Ąchst und vor allem ein legislativer Akt. Die Beseitigung ihrer rechtlichen Diskriminierung war der wesentliche Schritt bei der Gleichstellung der Juden. Hierbei gab es zwei konkurrierende Modelle. Das revolution├Ąre Frankreich gew├Ąhrte sofort und bedingungslos die Gleichstellung, w├Ąhrend fast alle deutschen Staaten, darunter auch Bayern, sich f├╝r das Erziehungsmodell entschieden: Die rechtlichen Ausnahmebestimmungen sollten sukzessive und in Abh├Ąngigkeit von Assimilationsfortschritten der j├╝dischen Bev├Âlkerung abgeschafft werden. Seine Umsetzung fand dieses Modell in Bayern im Judenedikt von 1813. Mit der Entwicklung des Parlamentarismus verlagerte sich die Diskussion und die Entscheidung ├╝ber die weiteren Schritte zur rechtlichen Gleichstellung zunehmend auf die Volksvertretungen.

Angesichts der regen Forschung zur Geschichte der Juden in den letzten Jahrzehnten verwundert es, da├č bis heute keine Darstellung der einschl├Ągigen Debatten und Abstimmungen im bayerischen Landtag vorliegt. Es existieren zwar punktuelle Untersuchungen, aber eine umfassende Studie fehlte bisher. Hannes Ludyga hat sich dieses Desiderats angenommen. Seine Dissertation, die er im Wintersemester 2006/2007 an der Juristischen Fakult├Ąt der Ludwig-Maximilians-Universit├Ąt M├╝nchen eingereicht hat, befa├čt sich mit den Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten zur Rechtsstellung der Juden in Bayern w├Ąhrend der Jahre 1819 bis 1918. Die Beschr├Ąnkung auf die Kammer der Abgeordneten begr├╝ndet er damit, da├č hier die entscheidenden Debatten stattgefunden h├Ątten; demgegen├╝ber w├Ąren die Beratungen der Reichsr├Ąte von untergeordneter Bedeutung gewesen (S.1).

Geographisch fokussiert die Arbeit auf das rechtsrheinische Bayern; die Rheinpfalz, wo die franz├Âsische Judengesetzgebung aus napoleonischer Zeit fortbestand, bleibt weitgehend au├čen vor. Bei den Quellen stehen die publizierten Protokolle und die zeitgen├Âssischen Presseberichte ├╝ber die parlamentarischen Verhandlungen im Mittelpunkt. Bei den archivalischen Quellen dominieren die Best├Ąnde des Bayerischen Hauptstaatsarchives und des Staatsarchives f├╝r Oberbayern in M├╝nchen.

Der Autor w├Ąhlt f├╝r seine Darstellung einen chronologischen Ansatz. Nachdem er die Rechtsstellung der Juden bis zum Jahr 1819 skizziert hat, verfolgt er in f├╝nf Kapiteln die Debatten in der Abgeordnetenkammer, die die j├╝dischen Bev├Âlkerung betrafen, angefangen bei der Diskussion ├╝ber die Revision des Judenediktes im ersten Landtag 1819 bis hin zu der antisemitischen Rede des Vorsitzenden der Freien Vereinigung, Friedrich Beckh, im M├Ąrz 1918, die von zahlreichen Beifallsbekundungen aus dem Plenum begleitet war (S.411). Das letzte Kapitel bietet neben der Zusammenfassung einen Ausblick auf die Zeit der "Weimarer Republik".

Ludyga hat eine sehr informative Studie vorgelegt, die von einem umfassenden thematischen Zugriff profitiert. Nicht nur die "gro├čen" Aspekte, wie etwa die staatsb├╝rgerliche Gleichstellung der Juden, werden angesprochen, sondern auch die "kleinen", wie die Einf├╝hrung einer Warenhaussteuer im Jahre 1899, die sich - antisemitisch motiviert - vor allem gegen j├╝dische Warenhausbesitzer richtete (S.374-382).  Zudem gelingt es dem Autor, die eher spr├Âde Materie inhaltlich verst├Ąndlich und sprachlich leserfreundlich aufzubereiten. Zwar steht in seiner Untersuchung die Kammer der Abgeordneten im Mittelpunkt, aber Ludyga vers├Ąumt es nicht, wenn notwendig, auch einen Blick in die Kammer der Reichsr├Ąte zu werfen. So stoppte beispielsweise die erste Kammer 1850 einen Gesetzentwurf zur v├Âlligen Gleichstellung der Juden, den die zweite Kammer bereits angenommen hatte.

Trotz der Vorz├╝ge der Arbeit im Kernbereich d├╝rfen vereinzelte Schw├Ąchen in der Peripherie nicht verschwiegen werden. Das gilt beispielsweise f├╝r die Darstellung der Folgen der "Matrikelbestimmungen". Juden mu├čten sich bis 1861 in eine Matrikel eintragen lassen, bevor sie heiraten und einen eigenst├Ąndigen Haushalt gr├╝nden durften. Die Immatrikulation war an Bedingungen, etwa an das Erlernen bestimmter Berufe, gekn├╝pft. Ludyga schreibt nun: "Die Matrikelbestimmungen zwangen viele Juden zur Auswanderung" (S.415). Dabei scheint er nicht zu bemerken, da├č er sich im Widerspruch zu einem Faktum setzt, da├č er auf derselben Seite pr├Ąsentiert: In einer Reihe von Kommunen Ober- und Mittelfrankens waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts Matrikelnummern unbesetzt, weil die Inhaber emigriert waren. Die Matrikelbestimmungen k├Ânnen hier offenkundig nicht das Motiv gewesen sein, denn die Auswanderer hatten diese H├╝rden ja bereits genommen.

Unverst├Ąndlich ist auch, da├č Ludyga bei seinem Literatur- und Quellen├╝berblick das Standardwerk zur staatskirchenrechtlichen Stellung der Juden in Bayern von Joseph Heimberger nicht erw├Ąhnt. Hervorgegangen aus seiner W├╝rzburger Habilitationsschrift von 1893 liefert Heimberger in der zweiten, stark ver├Ąnderten Auflage aus dem Jahr 1912 eine umfassende Darstellung der Rechtslage der israelitischen Religionsgesellschaft und Kultusgemeinde. Diese zweite Auflage scheint der Autor nicht zu kennen, zumindest zitiert er nur aus der Habilitationsschrift von 1893.

Insgesamt jedoch hat Ludyga mit seiner informativen und gut lesbaren Studie eine wichtigen Beitrag zur Geschichte der Emanzipation der Juden in Bayern geliefert. Jeder, der sich mit der Geschichte der bayerischen Juden im 19. und fr├╝hen 20. Jahrhundert besch├Ąftigt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

Richard Mehler
W├╝rzburg

Zuerst erschienen in: Zeitschrift f├╝r bayerische Landesgeschichte, 72 (2009), 227-229
 

 

Falk Wiesemann: Judaica bavarica. Neue Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern, Essen, Klartext Verlag, 2007 , 1022 Seiten

Die Forschung zur j├╝dischen Geschichte in Deutschland bl├╝ht seit Jahrzehnten. Entsprechend zahlreich sind die daraus resultierenden Publikationen. Auff├Ąllig ist dabei, da├č die Ver├Âffentlichungen nicht nur aus dem akademisch-universit├Ąren Bereich, sondern auch von Heimatforschern, "Barfu├č"-Historikern, "Geschichtswerkst├Ątten" etc. stammen. Dies spiegelt das weit ├╝ber akademische Zirkel hinaus vorhandene Interesse wider. Stand urspr├╝nglich der Antisemitismus und die Verfolgung der j├╝dischen Bev├Âlkerung, vor allem in der NS-Zeit, im Mittelpunkt, weitete sich zunehmend die Perspektive. Auch die Jahre vor 1933 und nach 1945 sowie spezielle Aspekte, wie die Landjuden oder - beeinflu├čt von der Gender-History - die Lage der j├╝dischen Frauen fanden und finden Aufmerksamkeit.

Angesichts der gro├čen Zahl von Ver├Âffentlichungen und der Tatsache, da├č Arbeiten mit lokalgeschichtlichem Bezug oft an entlegener Stelle erscheinen, ist es f├╝r den Interessierten schwierig, den ├ťberblick zu behalten. Das gilt auch f├╝r den Fall, da├č man sich gezielt zu Bayern informieren will. Die von Falk Wiesemann vor fast zwei Jahrzehnten ver├Âffentlichte "Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern" (1989) ist inzwischen ├╝berholt. Zwar gibt es ein Publikationsverzeichnis im Jahrbuch des Leo-Baeck-Instituts, das laufend erg├Ąnzt wird, aber zum einen mu├č man hier die Eintr├Ąge mit Bayern-Bezug Band f├╝r Band erst mithilfe des Registers ermitteln, und zum anderen sind nicht alle lokalgeschichtlichen Arbeiten gelistet. Mit der jetzt vorgelegten "Neuen Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern" will Falk Wiesemann Forschern und einschl├Ągig Interessierten ein effizientes Hilfsmittel in die Hand geben.

Das Buch umfa├čt rund 12.500 Titel. Zum Vergleich: Die Bibliographie von 1989 verzeichnete lediglich 3.000 Titel. Der Zuwachs resultierte teils aus einer Reihe neurecherchierten ├Ąlteren Eintr├Ąge, die eigentlich schon damals h├Ątten erfa├čt werden m├╝ssen, teils aus den Neuerscheinungen seit 1988 (etwa ein Viertel der 12.500 Titel), vor allem aber schlug die Ber├╝cksichtigung von einschl├Ągigen Artikeln in der deutsch-j├╝dischen Presse (u.a. Allgemeine Zeitung des Judentums, Der Israelit) vom 19. Jahrhundert bis zu deren Verbot 1938 zu Buche (S.12).

Geographisch fokussiert das Werk auf das heutige Bayern. Eigene Abschnitte zur Rheinpfalz oder den dortigen Kommunen fehlen.  Die Titel sind zu 27 Themenkreise geordnet. Eigene Abschnitte haben beispielsweise "Enzyklop├Ądien und Lexika", "Bibliographien", "Periodika" oder "Biographien und Genealogien" zum Inhalt. Weitere Stichworte sind u.a. "Gesellschaftsgeschichte", unter der z. B. "Frauen" und "Ostjuden" subsumiert sind, "Kunst, Museen, Ausstellungen", "Zionismus" oder "Friedhof und Begr├Ąbnis". Besonders hervorzuheben ist der gr├Â├čte Abschnitt "Lokalgeschichte". Auf mehr als 300 Seiten werden in alphabetischer Reihenfolge bayerische Orte gelistet und die jeweiligen Publikationen zur dortigen j├╝dischen Bev├Âlkerung erfa├čt. Einzelne Kommunen wie F├╝rth, M├╝nchen und N├╝rnberg haben noch eine thematische Feingliederung (z. B. Vereine, Ostjuden). Erleichtert bereits die thematische Anordnung der Titel dem Benutzer den gezielten Zugriff, so wird dieser noch erheblich durch die beigegebenen vier Indizes gesteigert: Neben einem geographischen Register sind die Titel durch Personen-, Sach- und Verfasserindizes erschlossen. Positiv ist auch zu werten, da├č bei vielen Publikationen kurze Anmerkungen zum Inhalt zu finden sind.

Angesichts des Umfanges  und der Vorz├╝ge des Werkes fallen die M├Ąngel nicht ins Gewicht. So  sind die Annotationen nicht immer zutreffend und in einigen F├Ąllen sind die bibliographischen Daten l├╝ckenhaft oder falsch (siehe z.B. Nr.9919).

Als Res├╝mee darf festgehalten werden, da├č die von Falk Wiesemann vorgelegte Bibliographie aufgrund ihres Umfanges und ihrer Register ein gutes Hilfsmittel bei der Besch├Ąftigung mit der Geschichte der Juden in Bayern ist. Allen, die sich f├╝r das Thema interessieren, kann sie nur empfohlen werden.

Richard Mehler
W├╝rzburg

Zuerst erschienen in:  Zeitschrift f├╝r bayerische Landesgeschichte", 73 (2010), 165-167
 

 

Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941-1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs W├╝rzburg und des Instituts f├╝r Zeitgeschichte M├╝nchen-Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, M├╝nchen 2003, 199 S.

Im Jahr 2000 ver├Âffentlichte das in Berlin ans├Ąssige Zentrum f├╝r Antisemitismusforschung in seinem Jahrbuch einen Aufsatz, der sich mit der Frage besch├Ąftigt, wie viel die Bev├Âlkerung die Bev├Âlkerung in Deutschland vor 1945 vom Holocaust wusste. Die quantitative Untersuchung, die auf retrospektiven Meinungsumfragen basiert, ergab, dass offenbar ein gutes Drittel der deutschen Bev├Âlkerung vor Kriegsende ├╝ber den Massenmord an den Juden informiert war, d.h. nicht weniger als 25 Millionen Deutsche haben nach eigener Angabe vom Holocaust vor 1945 erfahren. Diese bemerkenswerte Zahl macht deutlich, dass die Deportation und anschlie├čende Vernichtung der Juden keineswegs unter Ausschluss der ├ľffentlichkeit im Geheimen geschah.

Die im Rahmen einer Ausstellung des W├╝rzburger Staatsarchivs und des Instituts f├╝r Zeitgeschichte gezeigten Fotographien zur Deportation der mainfr├Ąnkischen Juden belegen dies nachdr├╝cklich. Dabei handelt es sich um 139 von einem Beamten der Gestapo W├╝rzburg angefertigte Bilder, von denen 119 in einem Album ├╝berliefert sind. Bei dem Fotoalbum der Deportation mainfr├Ąnkischer Juden 1941/42 handelt es sich um ein einzigartiges historisches Dokument, ist es doch offensichtlich die umfangreichste Sammlung von Fotos von Deportationen aus Deutschland.

Die im Ausstellungskatalog reproduzierten Fotographien bilden daher auch den Hauptbestandteil der Publikation. Neben diesen Bildern umfasst die Ver├Âffentlichung zahlreiche weitere Fotos aus verschiedenen Best├Ąnden sowie Abbildungen von Dokumenten, die im weiteren Sinne mit der Thematik und der Region verkn├╝pft sind. Insgesamt enth├Ąlt der Katalog f├╝nf wissenschaftliche Beitr├Ąge, wovon zwei von Herbert Schott stammen. In einem ersten Aufsatz schildert und analysiert er die ersten drei Deportationen mainfr├Ąnkischer Juden. Der zweite Beitrag besch├Ąftigt sich mit der Entstehungsgeschichte des Fotoalbums und seinem nachfolgenden Schicksal. In den weiteren Aufs├Ątzen beschreibt Alexander M. Klotz die Situation der Juden in Unterfranken nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den 1941 einsetzenden Deportationen, schildert Dieter Pohl den Prozess der Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich zwischen 1941 und 1943; Edith Raim schlie├člich setzt sich mit der juristischen Aufarbeitung nach 1945 in Unter- und Mittelfranken auseinander. Die Beitr├Ąge von Klotz, Pohl und Raim werden jeweils von einer kurzen kommentierten Auswahlbibliographie abgerundet.

Der mit Abstand herausragende Beitrag ist der von Herbert Schott ├╝ber das Fotoalbum. Schott rekonstruierte die abenteuerliche Geschichte der  Fotos.  1941 beauftragte zun├Ąchst die W├╝rzburger Gestapo zwei Kriminaloberassistenten mit Aufnahmen f├╝r die erste Deportation am 26. Nov. 1941. Das Fotografieren durch andere, auch durch NSDAP-Mitglieder, wurde streng verboten, gegebenenfalls sollten Fotoapparate beschlagnahmt werden. Auch bei den Deportationen im M├Ąrz und April 1942 entstanden Fotos. Fotografiert wurden die Deportationen in Kitzingen, W├╝rzburg und Bad Neustadt a. d. Saale. Es handelt sich um die ersten drei von sieben Transporten, die im Zeitraum zwischen November 1941 und Fr├╝hjahr 1943 in Unterfranken, bzw. im ÔÇ×Gau Mainfranken“ stattfanden.

Nach Kriegsende wurden die Akten der W├╝rzburger Gestapo ├╝ber die Judendeportationen  und das zugeh├Ârige Fotoalbum offenbar nach der Besetzung Unterfrankens durch die Amerikaner beschlagnahmt und in ein Aktenlager nach Oberursel/Taunus verbracht. Im W├╝rzburger Deportationsprozess 1949 wurden die Fotos als Beweismittel verwandt. Die Akten und vermutlich die Fotos wurden auch bei weiteren Prozessen herangezogen. Als jedoch die Akten der Gestapo W├╝rzburg ├╝ber die Judendeportation 1985 an das Staatsarchiv W├╝rzburg ├╝bergeben wurden, befand sich das zugh├Ârige Fotoalbum nicht darunter. Alle Nachforschungen des Staatsarchivs blieben ergebnislos. 2001 wurden die Fotos in einer Akte bei der Staatsanwaltschaft N├╝rnberg-F├╝rth wieder aufgefunden. Offensichtlich war das Album als Beweismittel eingesetzt und nicht zur├╝ckgegeben worden. Das im Staatsarchiv W├╝rzburg verwahrte Album umfasst heute 119 durchnummerierte auf 24 Aktendeckel aufgeklebte Fotos. Urspr├╝nglich enthielt es 19 weitere auf vier Aktendeckel angebrachte Fotos, die heute in den USA verwahrt werden.

Einem Foto wird in der Regel mehr Beweiskraft einger├Ąumt als dem gesprochenen oder geschriebenen Wort, weil der Betrachter ÔÇ×mit eigenen Augen“ das zu sehen glaubt, was an anderen Orten oder auch zu anderen Zeiten geschehen ist. Die Bilder im W├╝rzburger Album wurden von T├Ątern gemacht. Dies darf bei der Betrachtung der Bilder nicht vergessen werden. Die Fotos schildern eine Wirklichkeit aus der Sicht der T├Ąter – dessen muss man sich bei der Betrachtung bewusst sein. Als Motive sieht man die entw├╝rdigende  Registrierung und Durchsuchung der Deportierten, Au├čenaufnahmen von W├╝rzburg und Kitzingen, Bilder vom Marsch durch die Stadt und Aufnahmen vom Besteigen des Zugs und Verladen des Gep├Ącks. Der Terror fand, daran lassen diese Fotos keinen Zweifel, zum gr├Â├čten Teil in aller ├ľffentlichkeit statt.

Im Beitrag von Alexander M. Klotz liegt der Akzent eindeutig in der Beschreibung der Ausgrenzung- und Verfolgungsgeschichte. Wenig erf├Ąhrt man ├╝ber die Situation der j├╝dischen Bev├Âlkerung im eigentlichen Sinne, obwohl die ├ťberschrift des Aufsatzes dies zun├Ąchst suggeriert. Selbst der Abschnitt ÔÇ×J├╝disches Leben in Unterfranken“ widmet sich mehr den politischen Verh├Ąltnisse, beispielsweise der Betrachtung von Wahlergebnissen in Bayern und insbesondere in Franken. Es h├Ątte sich mit Sicherheit gelohnt einige Worte mehr zum l├Ąndlichen und kleinst├Ądtischen Judentum zu verlieren. Doch scheint der Autor nur bedingt auf der H├Âhe des Literatur- und Forschungsstandes gewesen zu sein.

Edith Raim schildert die juristische Verfahren nach 1945, die in den Bereich der deutschen Staatsanwaltschaft fielen und skizziert die Prozesse in W├╝rzburg und N├╝rnberg. Im Ergebnis blieb der Ausgang der strafrechtlichen Verfahren unbefriedigend. In N├╝rnberg wurden lediglich zwei von 55 Beschuldigten am Ende verurteilt. Der darunter befindliche ehemalige N├╝rnberger Polizeipr├Ąsident und H├Âhere SS-und Polizeif├╝hrer erreichte 1953 in der Revision die Aufhebung seines Urteils und einen Freispruch. Ausz├╝ge aus den perfiden Verteidigungen der Angeklagten sind im Text nachlesbar. Die Reaktionen in der ├ľffentlichkeit offenbaren in einem erschreckenden Ma├če Kontinuit├Ąten nationalsozialistischen Gedankengutes.

In seinem fundierten Beitrag betont Dieter Pohl, dass sich die Rahmenbedingungen der Judenverfolgung durch den Kriegsbeginn fundamental ge├Ąndert h├Ątten und skizziert im Weiteren Verlauf und Ziele der Transporte in den Jahren 1941 bis 1943. Dabei er hebt die Rolle der regionalen Polizei bei der Durchf├╝hrung hervor. Auch er verweist darauf, dass die Deportationen nicht unbemerkt geblieben waren, wie nach dem Krieg oft behauptet wurde.

Insgesamt ist mit diesem Begleitband den Ausstellungsmachern eine bemerkenswerte Publikation gelungen, die weit ├╝ber das durchschnittliche Niveau von Ausstellungskatalogen herausragt.

Martin Liepach
Frankfurt

Zuerst erschienen in: Mainfr├Ąnkisches Jahrbuch, 57, 2005, S. 465-466
 

Hinweis: Zum Thema siehe auch auf hagalil mit einigen Fotos.

 

 

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