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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - JŘdisches Museum Frankfurt

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AG Deutsch-J├╝dische Geschichte

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Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer


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hlands (VGD)

Stichworte zur j├╝dischen Geschichte

├ťbersicht:

Die Stichworte sind grob chronologisch nach ihren Themen aufgelistet. Der erste Teil der Stichworte folgt dann hier im Anschluss, die anderen sind auf weiteren, angeschlossenen Seiten eingestellt. Das Ganze ist noch im Aufbau...

Ôľ║SchUM-Gemeinden

Ôľ║Geld, Geldverleiher

Ôľ║Der Fettmilchaufstand

Ôľ║Joseph S├╝├č

Ôľ║Aufkl├Ąrung

Ôľ║Befreiungskriege

Ôľ║Ludwig B├Ârne

Ôľ║Emanzipation

Ôľ║Akkulturation

Ôľ║Centralverein

 

Ôľ║Ostjuden

Ôľ║Zionismus

Ôľ║Judenz├Ąhlung

Ôľ║Kriegsende 1918

Ôľ║Fu├čball

Ôľ║Oskar Schindler

Ôľ║Shanghai

Ôľ║Jeckes

Ôľ║Deutsch-israelische diplomatische Beziehungen


SchUM-Gemeinden

SchUM ist eine Abk├╝rzung, die sich aus den Anfangsbuchstaben der hebr├Ąischen Ortsnamen dreier St├Ądte am Rhein zusammensetzt: Schin f├╝r Schpira (Speyer), Vav f├╝r Warmaisa (Worms), wobei hier das V wie ein U gelesen wird, und Mem f├╝r Magenza  (Mainz). Die j├╝dischen Gemeinden in diesen drei St├Ądten geh├Ârten zu fr├╝hen Niederlassungen im deutschen Raum. Sie entwickelten sich im 11. und 12. Jahrhundert zu Zentren j├╝discher Gelehrsamkeit. Hebr├Ąische und jiddische Quellen geben ├╝ber die Bedeutung der SchUM-Gemeinden als ÔÇ×Wiege der Gelehrsamkeit“ in Aschkenas Auskunft. Im Mittelalter wurde Aschkenas, ein Name aus der hebr├Ąischen Bibel, als Bezeichnung f├╝r Deutschland verwendet.

Ob es eine kontinuierliche j├╝dische Siedlung seit der Sp├Ątantike am Rhein gegeben hat, wird kontrovers diskutiert. Die erste schriftliche Erw├Ąhnung einer Mainzer j├╝dischen Gemeinde stammt aus dem Jahr 917. Der fr├╝heste Beleg einer Synagoge stammt aus Worms aus dem Jahr 1034, f├╝r Mainz ist eine Synagoge 1093 belegt, in Speyer entstand zwischen 1084 und 1096 eine Synagoge. F├╝r alle drei Gemeinden ist ebenfalls ein Tanzhaus belegt. Es diente jeweils als Versammlungsort f├╝r die Feste der Gemeinde, aber auch f├╝r die Feiern einzelner Gemeindemitglieder.

SchUM-St├Ądte e.V.:
Website
Video

Zu den mittelalterlichen j├╝dischen Gemeinden in Worms und Speyer vgl. auch auf unserer Seite Mittelalter 3

 

Alle drei Gemeinden besa├čen einen Friedhof. ÔÇ×Der Heilige Sand“ in Worms konnte als einziger der mittelalterlichen j├╝dischen Friedh├Âfe seinen urspr├╝nglichen Charakter bis heute bewahren. Auf seinem Gel├Ąnde stehen heute noch ca. 2500 Grabsteine aus dem 11.-20. Jahrhundert. Er gilt als ├Ąltester j├╝discher Friedhof in Europa. Der ├Ąlteste datierte Grabstein stammt von 1076. Der Legende nach lebten schon 600 Jahre v. Chr. Juden in Worms. Ihre Totenst├Ątte soll mit Sand aus Jerusalem bestreut worden sein, daher der Name des Friedhofs. Das Gel├Ąnde des j├╝dischen Friedhofs in Speyer wurde 1084 den Juden von Bischof R├╝diger geschenkt.

J├╝discher-friedhof-worms

Alter J├╝discher Friedhof “Heiliger Sand” in Worms  (Stefan Noack) Wikipedia

Die rechtliche Stellung der Juden in diesen St├Ądten war wesentlich besser als die der meisten christlichen Einwohner. Bischof R├╝diger unterzeichnete eine Urkunde von 1084, in der er festhielt, dass er den Juden ÔÇ×ein Gesetz, das besser ist, als es das j├╝dische Volk in irgendeiner anderen Stadt des Deutschen Reiches besitzt“ gew├Ąhrt habe. Die Eigenst├Ąndigkeit j├╝discher Gemeinden wird auch deutlich in der ausgestellten Urkunde Kaiser Heinrichs IV.  aus dem Jahr 1074, wo von ÔÇ×Juden und Wormsern“ die Rede ist.

Alle drei St├Ądte waren christliche Kathedralst├Ądte, zugleich war die Zahl der niedergelassenen Juden so gro├č, dass sie fr├╝hzeitig Gemeinden bilden konnten. Diese sind nicht nur als Kultusgemeinden zu verstehen, sondern auch als eigenst├Ąndige K├Ârperschaften innerhalb der St├Ądte. Mit ihren Einrichtungen und Organen waren sie den sich erst allm├Ąhlich entwickelnden st├Ądtischen Eigenverwaltungen voraus. In allen drei SchUM-Gemeinden gab es ein Ratsgremium, das zumeist aus zw├Âlf Mitgliedern bestand. Aus den Mitgliedern dieses Rates wurde in der Regel das Richtergremium gebildet, das ├╝ber die innerj├╝dischen Rechtsf├Ąlle entschied.

Warmaisa - Das j├╝dische Worms

J├╝disches Erbe Speyer

Mainz - Magenza, ein mittelalterlihes Zentrum j├╝discher Kujltur

Die SchUM-Gemeinden unterhielten zeitweise auch Talmudschulen zur theologischen Weiterbildung. Von weit her kamen Studierende. Dabei entwickelten sich Dynastien von Gelehrten, wie beispielsweise die in allen drei St├Ądten vertretene Familie der Kalonymiden. Den SCHUM-Gemeinden wurde auf der Rabbinersynode von Troyes 1156 das Richteramt ├╝ber die aschkenasischen Gemeinden ├╝bertragen. Dies wurde von der aschkenasischen Rabbinerversammlung im gleichen Jahr best├Ątigt und 1220 sowie 1223 erneuert und erweitert.

Bis heute ist der Talmudkommentator des Rabbi Salomon ben Issak, genannt Raschi in der j├╝dischen Welt hoch gesch├Ątzt. Um 1060 studierte der Gelehrte im Lehrhaus in Worms. Das nach ihm benannte Raschi-Haus in Worms beherbergt heute das J├╝dische Museum und das Stadtarchiv. Als 1475 das erste in hebr├Ąischer Schrift gedruckte Buch in Kalabrien erschien, stammte der Text von Raschi.

Worms_Synagoge

Alte Synagoge in Worms (“Raschi-Synagoge”), Foto: W. Geiger

W├Ąhrend des Ersten Kreuzzuges 1096 war die Zahl der Opfer betr├Ąchtlich. In Mainz wurden mindestens 500 namentlich bekannte Personen umgebracht, in Worms 400. In Speyer hingegen handelte Bischof Johann entschlossen und rettete die meisten Juden. Lediglich elf Personen sollen get├Âtet worden sein. Mit den Pestpogromen 1348/49 ging die Bl├╝tezeit der SchUM-Gemeinden zu Ende. Zwar kam es zwischen 1352 und 1357 zu einer recht schnellen Wiederansiedlung. Doch erreichten die Gemeinden nicht mehr die wirtschaftliche und theologische Bedeutung fr├╝herer Zeiten. Die Geschichte der j├╝dischen Gemeinden in Mainz und Speyer endete nach Vertreibungen im 15. Jahrhundert. Allein die j├╝dische Gemeinde in Worms bestand weiter; bis zum Holocaust lebten Juden kontinuierlich in Worms.

F├╝r 2021 streben die drei St├Ądte die Aufnahme auf die UNESCO-Liste des Weltkultur- und Naturerbes an. In Speyer und Mainz gibt es wieder eine J├╝dische Gemeinde. Um die religi├Âsen, kulturellen und sozialen Belange der Wormser Gemeindemitglieder k├╝mmert sich gegenw├Ąrtig die J├╝dische Gemeinde in Mainz.

Literatur:

Die SchUM-Gemeinden Speyer - Worms – Mainz. Auf dem Weg zum Welterbe. Herausgegeben von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Regensburg 2013.

Prei├čler, Matthias: Die SchUM-St├Ądte am Rhein. Speyer (Schpira) – Worms (Warmaisa) – Mainz (Magenza). Regensburg 2012.

Toch, Michael: Die Juden im mittelalterlichen Reich. M├╝nchen 2003; 2. Auflage.

Werner Transier: Die SchUM Gemeinden. Wiegen und Zentren des Judentums am Rhein im Mittelalter. In: Europas Juden im Mittelalter. Ausstellungskatalog Historisches Museum Speyer 2005, S. 59-67.


Geld, Geldverleiher

Das Klischee des ÔÇ×Geldjuden“ ist das am st├Ąrksten verankerte Vorurteil gegen├╝ber Juden und wurzelt in einer historisch falschen Vorstellung vom j├╝dischen Geldverleiher im Mittelalter. Da einerseits die Juden in den St├Ądten aus vielen Berufen ausgeschlossen wurden und andererseits den Christen der Geldverleih gegen Zinsen durch die Kirche verboten war, h├Ątten die Juden darin eine wirtschaftliche Bet├Ątigung gefunden und daher faktisch den Geldverleih in der Hand gehabt – so die g├Ąngige Vorstellung.

Das Verbot des Wuchers (urspr├╝nglich jeglicher Zins) geht auf die Tora, das Alte Testament, zur├╝ck (2. Mose 22, 24) und galt daher zun├Ąchst f├╝r das Judentum selbst, das Christentum und der Islam ├╝bernahmen es gleicherma├čen. Dahinter stand der Gedanke der interesselosen Unterst├╝tzung des N├Ąchsten, der sich in Not befand, es galt hier sogar das Gebot durch Almosen zu helfen. In einer b├Ąuerlichen Gesellschaft waren alle aufeinander angewiesen und es stellten sich noch keine Fragen der Finanzierung wirtschaftlicher Unternehmungen.

Nach dem Sieg des Christentums im R├Âmischen Reich (392 Staatsreligion) wurden zun├Ąchst Zinsen f├╝r Kredite in einem bestimmten Umfang toleriert (6%), im Ostr├Âmischen und dann Byzantinischen Reich galt dies auch weiter, w├Ąhrend sich im katholischen Westen dann die Position der Kirche radikalisierte. Zun├Ąchst wurde die Zinsnahme innerhalb der Kirche selbst verboten (Kl├Âster waren oft als Kreditgeber aufgetreten) und ab dem 12. Jh. versuchte die Kirche auch in der Gesellschaft allgemein den ÔÇ×Wucher“ zu unterbinden. Doch die kirchlichen Beschl├╝sse hatten keine Gesetzeskraft, Wucher war eine S├╝nde aber keine Straftat, es drohte allenfalls der Kirchenbann. Dem konnten christliche Geldverleiher entgehen, indem sie ihre Zinsen geschickt vertuschten. Wie dies auf den Handelsmessen geschah, ist ├╝berliefert (siehe Literaturhinweise). Tats├Ąchlich wurde das ÔÇ×katholische Zinsverbot“ in der Realit├Ąt kaum befolgt.

Die Gr├╝ndung der Z├╝nfte als christliche Schwurgemeinschaften im 12. und 13. Jh. schloss Juden aus diesen zunftm├Ą├čig organisierten Handwerksberufen aus, jedoch nicht aus den anderen, es blieben zudem Berufe wie der des Arztes sowie der Bereich des Handels, darunter auch Geldwechsel und Geldverleih. Doch weder waren alle Juden Geldverleiher, noch waren alle Geldverleiher Juden. Vielmehr traten sich Christen und Juden als Konkurrenten im Bankgesch├Ąft gegen├╝ber. F├╝hrend darin wurden die italienischen Bankiers, die sog. Lombarden (weil urspr├╝nglich aus der Lombardei, v.a. aus Mailand, stammend).

Kipper_und_Wipper

ÔÇ×Kipper und Wipper“ zur Zeit des Drei├čigj├Ąhrigen Krieges. Christliche und j├╝dische Geldwechsler und M├╝nzmeister verschlechtern das Geld im Auftrag ihres F├╝rsten. Zeitgen├Âssische Darstellung. Wikimedia Commons.

Dies schloss nicht aus, dass auch einige j├╝dische Familien gro├če Gesch├Ąfte im Bankwesen machen konnten. In der Fr├╝hen Neuzeit wurden j├╝dische H├Ąndler und Bankiers oft an F├╝rstenh├Âfe geholt als sog. Hoffaktoren und in den Zeiten der Konfessionskriege im 16. Und 17. Jh. zu gesch├Ątzten neutralen Vermittlern, die katholischen F├╝rsten, z.B. den Habsburgern, Geld von Protestanten, z.B. aus den Niederlanden, besorgten (und umgekehrt). Gegen Ende des 18. Jh.s konkurrierten zwei Bankiers aus Frankfurt am Main, ein christlicher (Bethmann) und ein j├╝discher (Rothschild) um den Posten des kaiserlichen Hoffaktors in Wien und l├Âsten dort einander ab. Aus Konkurrenten wurden dann Gesch├Ąftspartner: Sp├Ąter taten sich beide Bankh├Ąuser n├Ąmlich zusammen und gr├╝ndeten gemeinsam mit anderen die Frankfurter Bank.


Der Fettmilchaufstand

Im Laufe des 16. Jahrhundert hatte sich das Frankfurter Patriziat zu einer fr├╝habsolutistischen Obrigkeit entwickelt und die Z├╝nfte sowie gro├če Teile der B├╝rgerschaft von der politischen Macht ausgeschlossen. Dieser Z├╝ndstoff explodierte im Fettmilchaufstand.

W├Ąhrend im 15. Jahrhundert fast alle gr├Â├čeren St├Ądte und viele Territorien ihre Juden auswiesen, bildete die Judengasse in Frankfurt neben Worms und Friedberg einen Zuwanderungsort. Im Laufe von weniger als 100 Jahren, zwischen 1462 und 1556, vermehrte sich die j├╝dische Bev├Âlkerung der Stadt am Main um das F├╝nffache, in den f├╝nfzig Jahren danach nochmals um mehr als diese Rate. 1462 lebten in Frankfurt etwa 100 Juden. Sie machten etwa 1% der Bev├Âlkerung aus. 1610 waren es an die 2700, andere Historiker sprechen gar von 3000 Juden. Dies entspr├Ąche gut 15% der Gesamtbev├Âlkerung, eine Zahl, die keine andere deutsche Stadt w├Ąhrend dieser Zeit aufweisen konnte.

 Im Fr├╝hjahr 1612 konfrontierten unzufriedene B├╝rger den vom Patriziat dominierten Stadtrat mit der Forderung nach Ver├Âffentlichung seiner Privilegien, der Errichtung eines ├Âffentlichen Kornmarkts zur Regelung der Getreidepreise und der Begrenzung der Anzahl der j├╝dischen Einwohner Frankfurts. Ein erster Einigungsversuch in Form des sogenannten B├╝rgervertrages hatte nur kurze Zeit Bestand. Die aufst├Ąndischen Z├╝nfte und ihr Wortf├╝hrer, der Lebkuchenb├Ącker Vinzenz Fettmilch, warfen dem Stadtrat Misswirtschaft und ein Komplott mit den Juden vor. Fettmilch hatte sich 1602 in der T├Ângesgasse niedergelassen und war Mitglied der Fettkr├Ąmerzunft.

Zu den Unterst├╝tzern des Aufstandes geh├Ârten auch die in die Stadt geflohenen niederl├Ąndischen Calvinisten. Ihnen hatte der Rat der Stadt den Aufenthalt in Frankfurt zu verleiden versucht, indem er ihnen die Errichtung eines Gotteshauses nicht gestattete. So klagten die Calvinisten, dass sie schlechter als die Juden behandelt w├╝rden, denen man den Bau und den Besitz von Synagogen zugestehe.

Die Ereignisse eskalierten, als im Juli 1614 ein kaiserliches Mandat die B├╝rger aufforderte, sich ├Âffentlich, mit Nennung ihres Namens, von der Sache der Aufst├Ąndischen loszusagen, andernfalls drohe ihnen die Reichsacht und der Verm├Âgenseinzug.  Am 22. August 1614 m├╝ndete der Aufruhr in offene Gewalt gegen die Juden. Einige j├╝dische Familien flohen beim ersten Ansturm in die H├Ąuser befreundeter Christen, der weitaus gr├Â├čere Teil der Juden blieb zur├╝ck. Die M├Ąnner verteidigten die Judengasse mehrere Stunden lang, indem sie  hinter den drei Toren Barrikaden aus F├Ąssern, B├Ąnken und Steinen errichteten, Frauen und Kinder flohen auf den benachbarten Friedhof. Nach einem mehrst├╝ndigen Kampf ├╝berlisteten die Angreifer die Juden, drangen in die Gasse ein und pl├╝nderten die H├Ąuser. Als die Ausschreitungen in andere Teile der Stadt ├╝berzugreifen drohten, wurde die Pl├╝nderung der Gasse nach 13 Stunden durch bewaffnete B├╝rger beendet.

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Die Pl├╝nderung der Frankfurter Judengasse w├Ąhrend des Fettmilch-Aufstands. Stich von Matthias Merian, 1628, Wikipedia

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung stellte die Stadt acht Musketiere vor die Judengasse. Die Juden mussten am folgenden Tag die Stadt verlassen. F├╝r den Rest ihrer Habe, die sie mit sich f├╝hrten, mussten sie einen Ausfuhrzoll zahlen.

Der Kaiser verf├╝gte als Reaktion gegen Vinzenz Fettmilch und die weiteren Anf├╝hrer des Aufstandes die Reichsacht, dennoch wagte zun├Ąchst keines der Ratsmitglieder, das ├ächtungsdekret ├Âffentlich anzuschlagen oder zu vollstrecken.  Erst Ende November 1614 wurde  Vinzenz Fettmilch verhaftet und ihm der Prozess gemacht.  Auf dem Rossmarkt wurden Vinzenz Fettmilch und sechs Gefolgsleute  vor der versammelten B├╝rgerschaft 1616 enthauptet.  Nach der Vollstreckung wurde ein kaiserliches Schreiben verlesen, laut dem ÔÇ×die Juden mit Weib und Kind wieder in ihre Gasse aufgenommen, alle ihre H├Ąuser repariert, auch alles spoliierte Silber, Gold und Geschmeide ihnen innerhalb dreier Monate wieder zugestellt, und sie fortan bei Strafe der Acht nicht mehr molestiert werden sollten“.  Nur Stunden sp├Ąter kehrte die j├╝dische Gemeinde durch das Gallustor in die Stadt zur├╝ck. Die Familien zogen ├╝ber die Zeil zur Judengasse, eskortiert von Fahnentr├Ągern und berittenen Soldaten.  Auf jedem der drei Tore der Judengasse wurde ein gro├čes Schild mit dem kaiserlichen Adler und der Aufschrift ÔÇ×R├Âm. Kays. Maj. und des h. Reiches Schutz“ angebracht.

Nach der Niederschlagung des Aufstandes erarbeiteten kaiserliche Kommissare eine neue Judenordnung, die bis 1808 in Kraft blieb. Sie garantierte einerseits ein unbegrenztes Wohnrecht und hob damit die bisherige Beschr├Ąnkung auf drei Jahre auf; andererseits schrieb sie die Zahl der in Frankfurt ans├Ąssigen Juden auf den bis dahin erreichten Stand von 500 Familien fest. F├╝r die Frankfurter Juden bestand nun eine deutlich verbesserte Rechtssicherheit.

An den Fettmilchaufstand erinnerten noch viele Jahrzehnte die K├Âpfe der enthaupteten R├Ądelsf├╝hrer: Zur Abschreckung von Nachfolget├Ątern hatte man sie gut sichtbar am Br├╝ckenturm aufgespie├čt – f├╝r jeden j├╝dischen Besucher ein Monument der Gerechtigkeit. So schrieb der Reisende Abraham Levie um 1750:   ÔÇ×Es ist bei der Br├╝cke noch ein Eisen mit vier Spitzen zu sehen. Darauf befinden sich vier Totenk├Âpfe. Sie sind von … Vinz Hans und drei seiner Ratgeber, welche die Juden unrechtm├Ą├čig vertreiben, ja sogar erschlagen wollten. Es hat sich aber gegen sie selbst gewendet.“ Erst 1801 wurden der Br├╝ckenturm abgerissen und die K├Âpfe der Verurteilten beseitigt. Au├čerdem wurde das Haus des Fettmilch eingerissen und auf dem Grundst├╝ck eine Schands├Ąule errichtet, die bis ins 19 Jahrhundert stehen blieb.

Vincent_Fettmilchs_Hinrichtung_1616-klein

Hinrichtung von Vincent Fettmilch, Konrad Gerngro├č, Konrad Schopp und  Georg Ebel am 28. Februar 1616 auf dem Frankfurter Ro├čmarkt, Wikipedia
Holzschnitt aus einem zeitgen├Âssischen Flugblatt von Johann Ludwig Schimmel, Institut f├╝r Stadtgeschichte Frankfurt a.M.

Vgl. auch ein anderes Bild auf einem Flugblatt mit Text, Bildarchiv Philipps-Universit├Ąt Marburg

In j├╝dischen Familien wurde die Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1614 noch sehr lange Zeit bewahrt. Es ist ├╝berliefert, dass j├╝dische Eltern ihre Kinder noch  Ende des 18. Jahrhunderts an die Hand nahmen, um ihnen in der Stadt die Erinnerungsst├Ątten des Fettmilchaufstandes zu zeigen. Der  Tag der R├╝ckkehr - der 28. Februar oder der 19. Adar nach j├╝dischem Kalender -  galt in der J├╝dischen Gemeinde Frankfurt fortan als Festtag, den man – in  Anlehnung an das Purim Fest - als Purim Vinz feierte. Bei dem Fest wurde das eigens komponierte  Vinz-Hans-Lied gesungen. Eine Vertonung des Liedes ist in der neuen Dauerausstellung im Museum Judengasse zu h├Âren.

 

Literatur:

Robert Brandt: Der Fettmilch-Aufstand: B├╝rgerunruhen und Judenfeindschaft in Frankfurt am Main 1612-1616. Ein Ausstellungsprojekt des Historischen Museums Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Johann-Wolfgang-Goethe-Universit├Ąt. Frankfurt a.M. (Historisches Museum) 1996.

Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des J├╝dischen Museums Frankfurt. Herausgegeben von Fritz Backhaus, Raphael Gro├č, Sabine K├Â├čling und Mirjam Wenzel. Frankfurt am Main 2016.

Isidor Kracauer: Geschichte der Juden in Frankfurt. 2 B├Ąnde. Frankfurt am Main 1925. (>Archiv UB Marburg)

Ders., Geschichte der Judengasse in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M. 1906.

 

Bildunterschrift:

Hinrichtung Vinzenz Fettmilchs und seiner Genossen und R├╝ckf├╝hrung der Frankfurter Juden 1616. Holzschnitt aus einem zeitgen├Âssischen Flugblatt von Johann Ludwig Schimmel

 

 

Joseph S├╝├č

Das Leben und Wirken von Joseph S├╝├č Oppenheimer (1698-1738) verschwindet auch heute noch hinter dem Zerrbild des ÔÇ×Jud S├╝├č“, der reale Mensch hinter dem Todesurteil, selbst in gut gemeinten Verurteilungen des Antisemitismus, in Ausstellungen und Museen. Dabei bietet seine Lebensgeschichte nicht nur einen guten Einblick in die Situation von Juden vor der Emanzipation, sondern auch eine hervorragende M├Âglichkeit, die Zusammenh├Ąnge zwischen Geld, Wirtschaft und Politik in der Zeit des  Absolutismus zu erkennen.

Joseph S├╝├č wurde 1698 in Heidelberg geboren, seine Mutter war Frankfurterin und zog nach dem Tod ihres Mannes wieder dahin zur├╝ck. In Frankfurt war auch  seit dem 16. Jh. der Zweig v├Ąterlichen Linie der Oppenheimers ans├Ąssig, aus denen Samuel Oppenheimer hervorging, der ber├╝hmte Wiener Hoffaktor.

Nach Diensten f├╝r den pf├Ąlzischen Kurf├╝rsten in Mannheim seit 1722 arbeitete Joseph S├╝├č als Hoffaktor f├╝r den Landgrafen von Hessen-Darmstadt seit 1730 und f├╝r den Herzog von W├╝rttemberg ab 1733. Seine Dienste wurden in Anspruch genommen f├╝r die Vermittlung von Krediten, f├╝r die Beschaffung von Gold f├╝r die M├╝nzpr├Ągung und von Luxusg├╝tern f├╝r die f├╝rstlichen Herrschaften.

In Frankfurt arbeitete S├╝├č mit christlichen Frankfurter Geldgebern zusammen, der Familie Wahler (Johann Georg und Johann Carl, Vater und Sohn), die, nicht zum Frankfurter Patriziat geh├Ârend, ebenfalls nach oben strebten und von S├╝├č f├╝r die Goldank├Ąufe des Darmst├Ądter M├╝nzgesch├Ąfts und deren Vorfinanzierung einbezogen wurden. Aufgrund der dabei zu Beginn gleich auftretenden Schwierigkeiten gerieten die Wahlers selbst in Geldnot, weswegen sie zur ├ťberbr├╝ckung ihrer eigenen Liquidit├Ątsprobleme wiederum Kredit bei dem ber├╝hmten Frankfurter Bankhaus d’Orville aufnahmen, einer calvinistischen Familie wallonischer Herkunft. Dies ist ein anschauliches Beispiel f├╝r eine Finanzierungskette, die von den F├╝rsten als Auftraggeber ├╝ber den j├╝dischen Hoffaktor tief in die christliche Finanz-und Gesch├Ąftswelt hineinreichte und von dort an den Amsterdamer Kredit- und Goldmarkt. Die allgemeine Vorstellung vom j├╝dischen Hoffaktor sieht diesen jedoch als quasi alleine agierenden ÔÇ×Geldgeber der F├╝rsten“ und meint damit, er selbst habe die fraglichen Summen besessen und verliehen, was letztlich das Klischee des ÔÇ×Geldjuden“ best├Ątigt.

Joseph S├╝├č‘ T├Ątigkeiten f├╝r die F├╝rsten brachten ihm in den Jahren durchaus einen stattlichen Gewinn ein, der ihn ein Unternehmen mit mehreren Angestellten, eine angemessene Residenz in Frankfurt au├čerhalb des Ghettos sowie in Stuttgart, wo eigentlich Residenzverbot f├╝r Juden herrschte, und in Ludwigsburg erm├Âglichte und insgesamt einen Lebenswandel, der ihn von der Befreiung aus der Benachteiligung als Jude und sogar von der Nobilitierung tr├Ąumen lie├č. Tats├Ąchlich aber waren f├╝r ihn alle Gesch├Ąfte f├╝r die F├╝rsten stets auch eine Gratwanderung am Rande des Bankrotts, denn er musste sein Verm├Âgen, darunter Immobilien in Heidelberg und Mannheim – wo ├╝brigens der Ghettozwang aufgehoben war –, immer wieder als Garantie f├╝r die f├╝rstlichen Kreditaufnahmen einsetzen.

Beim Herzog von W├╝rttemberg setzte sich S├╝├č nicht nur f├╝r die Befriedigung von dessen Luxusbef├╝rfnissen sondern auch f├╝r die Reduzierung der Schuldenaufnahme ein, ihm schwebte gar eine ÔÇ×Schwarze Null“ vor und mehr noch: ein Haushalt, in dem die Einnahmen die Ausgaben ├╝berstiegen. Viele der daf├╝r vorgesehenen Ma├čnahmen waren revolution├Ąr, z.B. die Abschaffung von Steuerprivilegien: eine f├╝nfprozentige Lohnsteuer f├╝r die Beamten und eine allgemeine Einkommenssteuer. Das meiste davon konnte S├╝├č in der kurzen Zeit bis zum pl├Âtzlichen Tod des Herzogs Karl (damals Carl) Alexander 1737 nicht realisieren, schaffte sich aber daf├╝r Feinde am Hof sowie in den Reihen der Landst├Ąnde (Vertreter der St├Ądte und Gemeinden), die auf ihrem politischen Recht der Steuerbewilligung und ihrem privaten Recht des Steuerprivilegs beharrten. Doch alleine durch die Effektivierung des herzoglichen Finanzwesens konnte S├╝├č als ÔÇ×geheimer Finanzien-Rath“ im letzten Jahr seiner T├Ątigkeit 300.000 Gulden einsparen, die der Herzog allerdings nur f├╝r weitere Luxusausgaben verprasste.

Joseph S├╝├č sah ein b├Âses Ende voraus: Sein Vorg├Ąnger war beim vorherigen Herzog im Ungnade gefallen und inhaftiert worden, S├╝├č hatte ihn ausl├Âsen m├╝ssen, anderen j├╝dischen Faktoren an verschiedenen H├Âfen ging es ├Ąhnlich. Mehrfach ersuchte S├╝├č den Herzog um seine Entlassung, dieser lie├č ihn jedoch nicht gehen und drohte ihm bei Flucht Verhaftung an.

 Noch am Tag des Todes Karl Alexanders wurde S├╝├č stellten sich die Beamten, mit denen er zusammengearbeitet hatte, gegen ihn, er wurde verhaftet und zahlreicher Straftaten angeklagt: M├╝nzf├Ąlschung, Bereicherung aus der Staatskasse, Amtsanma├čung… –  doch dies alles musste selbst in dem nicht rechtsstaatlichen Prozess fallen gelassen werden, ├╝brig blieben nur allgemeine ÔÇ×sch├Ądliche consilia [Ratschl├Ąge, Empfehlungen] wider Herrn und Land“ und vor allem die nach damaligem Recht widerrechtliche Beziehung zu einer Christin, Luciana Fischer.

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Verunglimpfende Darstellung des Joseph S├╝├č Oppenheimer mit Galgen als  Emblem in der unteren Bildmitte, ├ťber folgenden h├Ąmischen Zeilen: (Kupferstich von 1738) Wikipedia

“Haman” im Text ist eine Anspielung auf eine biblische Sage.

Am 4.2.1738 wurde Joseph S├╝├č in Stuttgart auf eine Weise hingerichtet, die mit daf├╝r sorgte, dass in der Nachwelt der Tod sein Leben ├╝berschattete: Er wurde hoch in der Luft in einem K├Ąfig erhenkt, die Leiche wurde dort sechs Jahre lang h├Ąngen gelassen.

Die ├ľffentlichkeit interessierte sich f├╝r Joseph S├╝├č Oppenheimer erst, nachdem er im M├Ąrz 1737 zum “Fall” wurde nach dem Tod des Herzogs Karl Alexander von W├╝rttemberg. Daher gibt es nur bildliche Darstellungen aus der Zeit des Prozesses. Dieses Bild auf einem Flugblatt gilt trotz des diffamierenden Kontexts - “Wer gro├čer Herren Gunst misbraucht...” - noch als die neutralste Portr├Ątierung. Das kleine Abbild unten zeigt den K├Ąfig am Galgen, womit die Darstellung auf den Zeitpunkt nach dem Urteil datiert werden kann.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flugblatt3_Joseph_S%C3%BC%C3%9F_Oppenheimer_copy.jpg

 

 

Literatur und Links:

 

Hellmut G. Haasis: Joseph S├╝├č Oppenheimer genannt Jud S├╝├č. Finanzier, Freidenker, Justizopfer. Reinbek (Rowohlt), 1998.

Wolfgang Geiger:

- ÔÇ×Schulden und Schuld. Der Fall des Joseph S├╝├č Oppenheimer als Lehrst├╝ck nicht nur f├╝r die F├╝rstenherrschaft der Fr├╝hen Neuzeit“, in: Geschichte f├╝r heute – Zeitschrift f├╝r historisch-politische Bildung. Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, 1/2015, S. 35-46.

-  ÔÇ×Schulden und Schuld. Zur Aktualit├Ąt des Joseph S├╝├č Oppenheimer, sp├Ąter genannt ÔÇÜJud S├╝├č‘“, in: Ders., Zwischen Urteil und Vorurteil. J├╝dische und deutsche Geschichte in der kollektiven Erinnerung, Frankfurt a.M. (Humanities Online), 2012, S. 119-164.

- Joseph S├╝├č Oppenheimer, sp├Ąter genannt ÔÇ×Jud S├╝├č“, http://www.juedischegeschichte.de/html/joseph_suess.html

Biographie, bibliographische Angaben, Bilder und Materialien (Zusammenfassung einiger Dokumente aus der Korrespondenz zwischen Joseph S├╝├č und Herzog Karl Alexander von W├╝rttemberg) sowie weiterf├╝hrende Links.

 

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