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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - JŘdisches Museum Frankfurt

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AG Deutsch-J├╝dische Geschichte

im

Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer


Deutsc
hlands (VGD)

Mittelalter 3:

Christen und Juden / Koexistenz und Konfrontation (1)

Thema:

Koexistenz und Konfrontation zwischen Christen und Juden in der mittelalterlichen Stadt

 

├ťbersicht:

1. Judengasse: Kein Ghetto...

Teil 1 hier auf der Seite mit den Beispielen: K├Âln, Worms, Speyer, Frankfurt am Main.
Teil 2 auf der Seite Mittelalter 3.2.: Erfurt und Stra├čburg sowie weitere Links zum Thema

2. Judenhut, Gelber Fleck oder Gelber Ring: auf Mittelalter 4

Note bene: Das Thema Ghetto wird seiner historischen Einordnung entsprechend auf der Seite Fr├╝he Neuzeit behandelt.

 

 

Mittelalter 3.1.

Judengasse: Kein Ghetto... - Teil 1

Die falsche Vorstellung vom mittelalterlichen Ghetto findet sich in allen Schulb├╝chern - und nicht nur da -, und sei es, dass nur zwischen “Judengasse” und “Ghetto” nicht recht unterschieden wird (siehe ein Beispiel auf unserer Seite Fr├╝he Neuzeit).  Doch leider gibt es auch renommierte Historiker, die sich zwar in ihrem Spezialthema oder in ihrer Epoche auskennen, aber die j├╝dische Geschichte als eine Nebensache betrachten und dementsprechend Desinformationen verbreiten - bis hin zu reinen Phantastereien. J├╝ngstes Beispiel ist der emeritierte franz├Âsische Medi├Ąvist Robert Fossier, der als ein Sch├╝ler - im akademischen Sinne - von Georges Duby gilt und mit seinem Buch Das Leben im Mittelalter eine Art r├╝ckblickende Summa seiner Arbeit ver├Âffentlicht hat. Darin schreibt er unter anderem, dass das j├╝dische Volk “seit 1300 in abgeschlossenen ‘Ghettos’ leben musste” (S.373), was jeder Grundlage entbehrt, und dass das IV. Lateranische Konzil die Juden verpflichtete “eine besondere Kopfbedeckung, den ’Judenhut’, und ein Erkennungszeichen an ihrem Gewand, den ’Gelben Ring’ zu tragen“ (S. 371) - was in den Text hinein phantasiert ist, denn Judenhut und gelber Fleck tauchen im Konzilsdekret ├╝berhaupt nicht auf (siehe dazu ausf├╝hrlicher unsere Seite Mittelalter 1 mit dem Quellentext).

Robert Fossier: Das Leben im Mittelalter, M├╝nchen (Piper) 2009. [Ces gens du Moyen Age, Paris, 2007]

Entsprechende Vorstellungen von einer radikalen Abgrenzung von den Juden seitens der christlichen Mehrheit in der mittelalterlichen Stadt kursieren nat├╝rlich auch im Internet, ebenso wie falsche Parallelisierungen zwischen der Judenverfolgung im Mittelalter und unter dem Nationalsozialismus.

Der historische R├╝ckblick aus einer wohl gemeinten aber falsch verstandenen Perspektive der Verfolgung heraus verzerrt und verf├Ąlscht oft die historische Wirklichkeit. Es gab Diskriminierungen, Verfolgungen und Pogrome im Mittelalter, aber keineswegs eine Kontinuit├Ąt der Verfolgung vom Mittelalter bis zum Holocaust. Dass es ├╝ber lange Phasen hinweg auch ein Zusammenleben von Christen und Juden im Mittelalter gegeben hat, muss angesichts der existierenden Klischees ins historischen Bewusstsein gerufen werden, im Sinne der Orientierungshilfe der Wissenschaftlichen Kommission des Leo Baeck Instituts (Download ├╝ber die Website des J├╝dischen Museums Frankfurt: hier).

Die Ansiedlung der j├╝dischen Gemeinden in einer Stra├če, meisten Judengasse genannt, oder in einem Viertel zwischen mehreren Stra├čen war kein Akt der Diskriminierung, sondern entsprach den allgemeinen Gepflogenheiten, dass bestimmte Bev├Âlkerungsgruppen zusammen wohnten, so auch die nach Berufen organisierten Gassen. In einem historischen R├╝ckblick hei├čt es in dem 1959 vom Rabbiner der Synagogengemeinde K├Âln herausgegebenen Buch ├╝ber die Juden in K├Âln:

“Wie mittelalterliche Kaufleute in einem fremden Volke, so lebten auch die Juden in den verschiedenen L├Ąndern und St├Ądten des Mittelalters in einem besonderen Viertel, ohne da├č dieses Viertel an und f├╝r sich eine Zwangswohnung war.”

Zvi Asaria (Hg.): Die Juden in K├Âln. Von den ├Ąltesten Zeiten bis zur Gegenwart, K├Âln (Bachem), 1959, S.43.

Urspr├╝nglich war dies f├╝r die j├╝dische Ansiedlung sogar ein Privileg, weil den Juden ein Wohnbezirk zur Verf├╝gung gestellt wurde. In Speyer, laut der ├Ąltesten diesbez├╝glich erhaltenen Quelle (siehe Mittelalter 1), war dies zun├Ąchst au├čerhalb des Ortes, dann innerhalb in unmittelbare N├Ąhe des Doms. Vor der Errichtung der Ghettos am Ende des Mittelalters (erstmalig in Frankfurt am Main 1460/62)  und v.a. in der Fr├╝hen Neuzeit (siehe dazu auf der Seite Fr├╝he Neuzeit) gab es keine abgesonderten Wohnbezirke mit Kontaktverbot zwischen Christen und Juden. Die Tatsache, dass an einigen Orten im Mittelalter offenbar aus Sicherheitsma├čnahmen f├╝r die Juden verschlie├čbare Tore angebracht wurden, bedeutet noch nicht die “Einschlie├čung”der Einwohner.

Schulatlas1870-Auszug2

Das r├Âmisch-deutsche Reich zur Zeit der s├Ąchsisch-fr├Ąnkischen Kaiser 911 bis 1137. (Auszug: Mitte-West)

Karte aus dem Atlas zur Geschichte des deutschen Volkes f├╝r Mittelschulen von Carl Keppel, Hof (B├╝ching) 1870. Mit freundlicher Genehmigung des Georg-Eckert-Instituts / Digitale Schulbuch-Bibliothek (zum Schulatlas 1870: hier)

K├Âln

Bestes Beispiel hierf├╝r - d.h. daf├╝r, dass Abschlie├čbarkeit noch nicht Eingeschlossensein bedeutet - ist K├Âln, das diesbez├╝glich leicht zu entsprechenden Missverst├Ąndnissen f├╝hren kann; so hei├čt es auf einer jenen f├╝r die historische Recherche zweifelhaften Internetseiten  (Juden.de) ├╝ber die Juden im mittelalterlichen K├Âln:

“Dieses Viertel in der Altstadt, das mit eigenen Toren geschlossen werden konnte, war umrissen von der Portalgasse, der Judengasse, Unter Goldschmied und Obenmarspforten. Es war ausschlie├člich den Juden vorbehalten. Hiermit war das erste Ghetto in K├Âln geschaffen.” (hier)

Tats├Ąchlich hatte dies noch nichts mit einem Ghetto zu tun. Das K├Âlner Judenviertel war auf Engste mit der christlichen Umwelt verflochten, grenzte es doch direkt an das B├╝rgerhaus (Rathaus), das es nach der Erweiterung des j├╝dischen Viertels im 13. und 14. Jh. sogar von drei Seiten aus einschloss. Wer nicht vom Alten Markt her kam, musste durch das Judenviertel zum Rathaus gehen. Nicht zuf├Ąllig wurde schon in fr├╝hen Quellen das Rathaus inter judeos lokalisiert.

Eine Kontinuit├Ąt der j├╝dischen Ansiedlung in K├Âln von der Antike (erste Erw├Ąhnung einem Dekret Kaiser Konstantins von 321) zum Mittelalter ist nicht nachgewiesen. Die fr├╝heste mittelalterliche Datierung liegt vor 800 und bezieht sich auf den Bau der Mikwe, was die Existenz einer Gemeinde nachweist, entsprechend ist der Bau der ersten Synagoge kurz danach einzuordnen (siehe Geschichte der Synagogen-Gemeinde K├Âln). Der Kreuzzugspogrom 1096 und ein nicht n├Ąher bekanntes Ereignis Mitte des 12. Jh.s, vielleicht eine Vertreibung aus der Stadt, stellten tiefe Einschnitte in der j├╝dischen Geschichte K├Âlns dar, 1266 erfolgte eine Wiederaufnahme der Gemeinde durch den Stadtrat mit der Zusicherzung von Schutz und exklusiven Rechten, darunter dem Geldverleih unter Ausschluss der christlichen Konkurrenten, der Cauvercini. (siehe dazu auf Mittelalter 2).

Von 1235 bis 1340 stieg die Zahl der j├╝dischen Haushalte von 50 auf 75 und damit einher ging wohl die Zunahme der sozialen Spannungen.

In der Germanica Judaica ist zu lesen:

“1310 wird erstmals eine von den Juden unl├Ąngst erbaute Mauer erw├Ąhnt, welche die Juden geh├Ârigen H├Ąuser der Judengasse von den christlichen H├Ąusern am Alten Markt trennte. Mauern zwischen j├╝dischem und christlichem Besitztum werden seit dem 12. Jahrhundert erw├Ąhnt, im 14. Jahrhundert mehrten sie sich. In den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurden auf Kosten der Juden die vier Stra├čen, die in das Judenviertel f├╝hrten, durch Pforten verschlossen. Die Schl├╝ssel verwahrte der Stadtbote; zur Pforte von der Engen Gasse erhielt der Judenbischof einen zweiten Schl├╝ssel. Zu einer Anzahl von j├╝dischen H├Ąusern war der Zutritt durch T├╝ren von Unter Goldschmied aus m├Âglich, unsicher ist auch die Abschlie├čung nach Nordwesten, zum Kleinen G├Ą├čchen hin. Zu allen Zeiten wohnten Christen im Viertel, auch das Rathaus (B├╝rgerhaus) befand sich dort, und deshalb entschied R.[abbi] Alexander S├╝sskint ha-Kohen, da├č keine Meusot [sic, gemeint sind wohl Mesusot*] an den Pforten des Judenviertels anzubringen seien. Von einer vollst├Ąndigen Abschlie├čung kann also keine Rede sein.”

“K├Âln”, Germanica Judaica 2.1. Von 1238 bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, herausgeg. von Zvi Avneri, T├╝bingen (Mohr), 1968, S.424, 426.

* Mesusot, Pl. von Mesusa, kleine Beh├Ąlter mit einer Schriftrolle, der nach der religi├Âsen Tradition am Haut├╝rpfosten angebracht wurde. Eine Mesusa an der Pforte zur Judengasse h├Ątte eine wohl analoge Bedeutung f├╝r das gesamte Viertel gehabt.

K├Âln Judengasse

Judengasse am Rathausplatz in K├Âln heute. Im Hintergrund das Rathaus.- Wikimedia Commons

Dies verdeutlicht, dass es sich damals noch nicht um ein Ghetto handelte, in dem die j├╝dischen Einwohner abends und an christlichen Feiertagen eingeschlossen wurden, wie es sp├Ąter in Frankfurt a. M. der Fall war.

Worms

Die Ansiedlung von Juden in Worms geht bis auf die 2. H├Ąlfte des 10. Jh.s zur├╝ck, wo Juden aus Worms auf der Frankfurter Messe in Mainzer j├╝dischen Quellen erw├Ąhnt werden. Die Synagoge und damit ein vollst├Ąndiges Gemeindeleben wurde jedoch erst 1034 gegr├╝ndet. Es entstand die Judengasse, die sich in einem Bogen an der n├Ârdlichen Stadtmauer entlang zog, aber kein abgeschlossenes Wohnviertel war. Urspr├╝nglich gab es hier eine Niederlassung friesischer H├Ąndler, die dann durch die Ansiedlung j├╝discher H├Ąndler abgel├Âst wurde. Entsprechend hat sich wohl die Handelspolitik der Stadt vom Norden nach dem S├╝den umorientiert.

Die Wormser Gemeinde ist mit dem Namen des gro├čen Gelehrten Raschi aus Troyes verbunden (Abk├╝rzung von Rabbi Schlomo ben Jischak / Salomon ben Isaak, 1040 - 5.8.1105), der nach Mainz und Worms an die dort bereits existierenden Jeschiwot (Talmudhochschulen) kam, und selbst als ber├╝hmtester Gelehrter seiner Zeit in die Geschichte einging (siehe: Wikipedia, talmud.de, Bautz’ Bio-Bibliographisches Kirchenlexikon, Wissenschaftliches Bibellexikon Wibilex, Universit├Ąt Frankfurt: Forschungsstelle f├╝r j├╝disches Recht, Jewish Encyclopedia).

Rashi_woodcut

Bild: Holzschnitt aus einer 1539 in Lyon gedruckten Ausgabe des Buches Postillae maiores totius anni cum glossis & quaestionibus von Wilhelm von Paris ( gest. 1314) - Wikimedia Commons

Alte Synagoge von Worms, Vorderansicht, Tafel und Ansicht von der R├╝ckseite aus.

Fotos W. Geiger, 1.8.2010

Worms_Synagoge_Tafel
Worms_Synagoge
Worms_Synagoge_HIntere_Judengasse

In der Judengasse gab es sowohl christliche Bewohner als auch eine Ausbreitung der j├╝dischen Anwohner auf die angrenzenden s├╝dlichen Bezirke. Ende des 13. Jh.s gerieten die Juden zwischen die Fronten des andauernden Konflikts der Stadt mit dem Bischof einerseits und dem Kaiser andererseits, der sich bis ins 16. Jh. hinzog und zun├Ąchst mit der Unterstellung der j├╝dischen Gemeinde unter die alleinige Autorit├Ąt der Stadt endete, dann aber Anfang des 17. Jh.s noch einmal auflebte.

Der Pestprogrom von 1349 setzte der ersten j├╝dischen Gemeinde auch hier ein vorl├Ąufiges gewaltsames Ende. Doch kurz danach gab es schon wieder eine Neuansiedlung, die Stadt selbst ├Ąu├čerte bereits 1353 ihren Willen dazu . 1376 lebten 36 Familien in der wieder aufgebauten Judengasse, d.h. ca. 180 Personen, jedoch unter schlechteren Bedingungen als zuvor: Der Aufenthalt war zeitlich befristet sowie r├Ąumlich auf die alte Judengasse beschr├Ąnkt und es gab eine daf├╝r zu leistende Sondersteuer an die Stadt. Der Rechtsstatus der Juden fiel jedoch , was die “passiven” Rechte angeht (Schutz und Freiheiten) nur wenig hinter den der regul├Ąren B├╝rger zur├╝ck, ausgeschlossen waren sie vielmehr von den “aktiven” Rechten der B├╝rger (Teilnahme am politischen Leben, so begrenzt dies damals ohnehin war, sowie die Rolle von Rechtsvertretern vor Gericht). Weitere politische und soziale Konflikte, in denen die Juden involviert wurden, f├╝hrten im 15. und bis zu Beginn des 16. Jh.s zu einem Wechselbad aus versuchten Usurpationen des Judenschutzes durch die Stadt, die v.a. vom Bischof verhindert wurden, versuchten Vertreibungen, die vom Kaiser verhindert wurden, und erneuerten Judenordnungen.

Seit Ende des 14. Jh.s wurde der j├╝dische Wohnbereich also auf die Judengasse beschr├Ąnkt, die Gasse aber noch nicht zum abgeschlossenen Ghetto. “Die Absonderung von der ├╝brigen Stadt war erfolgt, obgleich nicht genau bekannt ist, ab wann das Judenviertel durch die Anbringung von Toren auch ├Ąu├čerlich zum Getto wurde.” (Reuter, S.61 - bibliograph. Angaben unten). Es gibt allerdings Anzeichen daf├╝r, dass soche Abschlie├čungstendenzen parallel zur Errichtung des Frankfurter Ghettos 1460-62 entstanden (B├Ânnen, S.440). Mit den neuen und strengeren Judenordnungen von 1505 und dann definitiv von 1526, als die Stadt die Autorit├Ąt ├╝ber die j├╝dische Gemeinde gewann, haben sich offenbar die Abgrenzungen durchgesetzt:

Art. 13 der Judenordnung von 1526 “bringt erstmals den Hinweis auf ‘ihr gew├Âhnlich Zeichen’, das sie in der Stadt tragen sollen, den Judenfleck in Form des in Worms ├╝blichen gelben Ringes auf schwarzem Mantel. Bei Strafe von 5 Gulden ist es ihnen unter- sagt, an hohen christlichen Feiertagen auszugehen, also sich au├čerhalb der Judengasse in der Stadt zu bewegen (genannt sind Karwoche, Ostertag, Christtag, Pfingsttag, Fronleichnam, Allerheiligen, alle Marientage, Aposteltage und Sonntage).” (Reuter, S. 72)

Die Androhung der Geldstrafe macht jedoch deutlich, dass die M├Âglichkeit zur strafbaren Handlung bestand, folglich die Juden- gasse nicht hermetisch verschlossen war. In der Judenordnung von 1584 findet sich noch ein pr├Ąziserer Hinweis:

“An der Judengasse hing eine Torglocke, vor deren Morgenl├Ąuten kein Jude hinaus durfte und bei deren abendlichem L├Ąuten alle Juden in die Judengasse zur├╝ckkehren mu├čten. (Art. 18).” (Reuter, S.78).

Damit w├Ąre doch ein Datum f├╝r die Errichtung des Ghettos genannt, auch wenn es sich hier noch um eine erleichterte Variante handelte, da das Verlassen nur unter Strafe gestellt, nicht aber physisch durch Abschlie├čung verhindert wurde. Die ├ľffnung und Schlie├čung morgens und abends entspricht jedoch dem Vorbild Frankfurts.

Fritz Reuter: Warmaisa - 1000 Jahre Juden in Worms, Stadtarchiv Worms, 1984, 3. Aufl. 2009.

Gerold Br├Ânnen: “Worms: Die Juden zwischen Stadt, Bischof und Reich”, in: Christoph Cluse (Hg.): Europas Juden im Mittelalter. Beitr├Ąge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20. bis 25. Oktober 2002, Trier (Kliomedia) 2004, S.432-442.

Worms Judenpforte

├ľstlicher Ausgang der Judengasse in Worms, ehem. Judenpforte, an der im 13. Jh. erneuerten und verst├Ąrkten Stadtmauer. Der Durchbruch stammt aus moderner Zeit.

© Foto: W. Geiger

 

Links:

Website der Stadt Worms: J├╝disches Worms

Worms auf  Alemannia Judaica

Der “Heilige Sand” - der ├Ąlteste j├╝dische Friedhof Deutschlands im Panorama-Video sowie weitere Informationen zum j├╝dischen Worms sind auf der Website der Stadt Worms: hier.

Eine Darstellung der j├╝dischen Ansiedlung am Rhein gibt es auch auf Historia Interculturalis: ÔÇ×Privilegien“ oder ÔÇ×green card“ des Medium Aevum: Der Weg j├╝discher H├Ąndler an den Rhein im fr├╝hen Mittelalter / hier.

Speyer

Es wird vermutet, dass einzelne Juden bereits in den 70er Jahren des 11. Jh.s nach Speyer kamen und dort in der Stadt wohnhaft waren. 1084 gab es einen Zuzug einer gr├Â├čeren Gruppe, denen der Bischof R├╝diger Huozmann ein besonderes Wohngebiet sowie ein Friedhofsgel├Ąnde durch Schenkung zuwies und daf├╝r wie f├╝r die damit verbundenen Rechte das Privileg von 1084 ausstellte. Diese Urkunde ist die ├Ąlteste ├╝berlieferte ihrer Art und hat durch unterschiedliche Lesarten der Handschrift und entsprechende ├ťbersetzungen an einer Stelle sehr verschiedene Interpretationen hervorgebracht . Der Unterschied liegt in der Lesart eines Buchstabens der lateinischen Handschrift, wonach der Zaum um die Siedlung als Schutz vor dem Vieh (pecoris) oder vor dem P├Âbel (peioris) dienen sollte. Die beiden Lesarten und ├ťbersetzungen des Textbeginns lauten folgenderma├čen:

    (1) Ich,   R├╝diger, auch   Huozmann genannt, Bischof von Speyer. Als ich den Weiler Speyer in eine Stadt verwandelte, glaubte ich die Ehre unseres Ortes noch zu vergr├Â├čern, wenn ich die Juden vereinigte. Ich brachte sie darauf au├čerhalb der Gemeinschaft und des Zusammenwohnens mit den ├╝brigen B├╝rgern, und damit sie durch den ├ťbermut des P├Âbels [peioris] nicht beunruhigt w├╝rden, umgab ich sie mit einer Mauer.

    (2) Ich, R├╝diger, mit Beinamen Huozmann, Bischof von Speyer, glaubte in meinem Bestreben, aus der Kleinstadt Speyer eine Weltstadt zu machen, die Ehre unseres Ortes durch Ansiedlung von Juden noch mehr zu heben. Die herbeigeholten Juden siedelte ich deshalb au├čerhalb der Gemeinschaft und den Wohnpl├Ątzen der ├╝brigen B├╝rger an und umgab ihre Siedlung mit einer Mauer, damit sie nicht durch Viehherden [pecoris] gest├Ârt werden.

Die Urkunde mit dem gesamten Text gibt es auf Mittelalter 1, den Nachweisen der verschiedenen Texteditionen sowie einem Faksimil├ę der Handschrift und einer Analyse der Textproblematik auf Speyer 1084.

Wir folgen der lange minorit├Ąr gebliebenen Interpretation 2, wonach die Juden zum Schutz vor dem Vieh vor der Stadt in einer dorf├Ąhnlichen Struktur, Alt-Speyer genannt, zun├Ąchst einmal provisorisch untergebracht wurden.

Eine j├╝dische Quelle aus der Mitte des 12. Jahrhunderts erkl├Ąrt die Ansiedlung in Speyer als Flucht der Mainzer Juden nach dem Brand ihres Viertels, der auch auf die christlichen Wohnbezirke ├╝bergegriffen habe (vgl. in Debus, S.13, siehe bibl. Angaben weiter unten). Eine Pogromsituation als Ausl├Âser f├╝r den Brand geht jedoch nicht eindeutig aus der Quelle hervor, wenn auch berichtet wird, dass die Mainzer Juden nach dem Brand in gro├čer Angst waren und ein aus Worms nach dem Brand eingetroffener Jude von den Christen erschlagen wurde. Es k├Ânnte sich auch um einen erst durch den Brand motivierten Gewaltakt handeln, weil man den Juden die Schuld an Ungl├╝ck gegeben h├Ątte.

Speyer_Stadtplan_1730_alte_Judensiedlungen

Lokalisierung der j├╝dischen Ansiedlungen in Speyer, nachtr├Ąglich eingetragen auf einem Stadtplan aus dem Jahr 1730. Zu jenem Zeitpunkt gab es seit langem keine Juden mehr in Speyer, die 1534 vertrieben wurden. Doch zeigt der Plan noch gut die Struktur der Altstadt mit den beiden Stadtmauern, von denen die innere aus der salischen Epoche des Stadtausbaus stammt. Der Plan ist gewestet, d.h. der Norden befindet sich rechts.
Wikimedia Commons, bearbeitet von W. Geiger nach Pl├Ąnen in Debus, S.14, und Engels, S.68 (siehe bibl. Angaben weiter unten).

1. Vermuteter Ort der ersten Ansiedlung vor der Stadt, 1084. - 2. ehem. j├╝discher Friedhof
3. Judenpforte, nach dem Umzug in die Innenstadt so genannter Turm, der von den Juden zu bewachen war.
4. Judenhof, Mittelpunkt der innerst├Ądtischen j├╝dischen Ansiedlung mit Synagoge und Mikwe. - 5. Erweiterung des Judenhofes

Zur Vergr├Â├čerung auf das Bild klicken.

 

Diese besonderen Bedingungen der j├╝dischen Ansiedlung in Speyer haben die Interpretation der Urkunde von 1084 in der Version Nr.1 von der Abschlie├čung der Juden mittels eines Zauns zum Schutz vor dem “P├Âbel” unterst├╝tzt und verschiedentlich sogar die Vorstellung von einem ersten Ghetto in Speyer erzeugt, so exemplarisch auf Wikipedia: “Ein fr├╝hes Beispiel f├╝r die Bildung eines Ghettos im Heiligen R├Âmischen Reich stellt Speyer im 11. Jahrhundert dar.“ (hier). Das Verfolgungsparadigma nach Lesart Nr.1 der Urkunde wurde auch noch durch den tats├Ąchlich bereits 12 Jahre sp├Ąter erfolgten Kreuzzugspogrom erh├Ąrtet, dem gerade die Speyerer Juden als einzige Gemeinde dank des Schutzes durch den Bischof entgingen, nur einige wenige fielen den Mordanschl├Ągen zum Opfer.

Es ist jedoch ├Ąu├čerst unwahrscheinlich, dass der Bischof 1084 seine eigenen Leute als “P├Âbel” in einer offiziellen Urkunde apostrophiert, au├čerdem sieht die Urkunde den engsten Umgang zwischen Juden und Christen in Worms vor, sowohl beruflich als auch sozial, nichts deutet auf eine ghetto├Ąhnliche Abschlie├čung hin. Arch├Ąologische Funde und die wenigen schriftlichen Informationen ├╝ber die Pr├Ąsenz von Juden vor 1084 machen auch zweifelsfrei deutlich, dass die Umsiedlung in den Judenhof beim Dom 1096 zwar unter dem Druck der Kreuzfahrer erfolgte, aber in ein bereits f├╝r diese Besiedlung weitgehend vorbereitetes Terrain. Es ist sogar ├Ąu├čerst wahrscheinlich, dass die Vorbereitungen zum Bau der Synagoge sowie die Umgestaltung des f├╝r den Judenhof vorgesehenen Viertels mit dem Abriss vorheriger Geb├Ąude bereits vor 1084 begonnen wurden. Die Ansiedlung au├čerhalb der Stadt erfolgte somit lediglich als ein den Umst├Ąnden geschuldetes Provisorium.

Die j├╝dische Ansiedlung in der Innenstadt hatte nur einen kleinen autonomen Bereich um Synagoge und Mikwe herum, den “Judenhof”. Davon ausgehend dehnten sich die von Juden bewohnten H├Ąuser auch ├╝ber die Stra├čen hin aus, in engster Nachbarschaft zur christlichen Bev├Âlkerung. Juden und Christen lebten nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander. Miet- und Kaufvertr├Ąge aus dem Hochmittelalter unterstreichen dies. Weit weniger als z.B. in Worms kann daher von einem r├Ąumlich abgegrenzten j├╝dischen Viertel gesprochen werden. Die mittelalterliche j├╝dische Siedlung in Speyer war damit von der Vorstellung vom Ghetto weit entfernt.

800px-SpeyerJudenhof

Oben: “Judenhof” in Speyer mit den Resten der alten Synagoge. Aufnahme von 2009. Wikimedia Commons

Rechts und unten: Blicke auf die Synagoge von den anderen Seiten aus. Fotos von 2004. Wikimedia Commons: Bild 1, Bild2

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Oben: Eingang zur Mikwe

Rechts: Tauchbecken der Mikwe. Eine moderne touristische Unsitte ist es M├╝nzen in den “Brunnen” zu werfen.

Fotos: W. Geiger, 1.10.2010

Mikwe2
Synagoge_Rekonstruktion2

Virtuelle Rekonstruktion der alten Synagoge, reproduziert und ausgestellt auf Leinw├Ąnden in den Ruinen im Judenhof.

Fotos: W. Geiger, 1.10.2010

 

Synagoge_Rekonstruktion1

Literatur:

Karl Heinz Debus: “Geschichte der Juden in Speyer bis zum Beginn der Neuzeit“, in: Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Speyer: Die Juden von Speyer. Beitr├Ąge zur Speyerer Stadtgeschichte Nr.9, Speyer, 3. Aufl. 2004, S.1-62.

Werner Transier: “Die SCHUM-Gemeinden. Wiegen und Zentren des Judentums am Rhein im Mittelalter”, in: Europas Juden im Mittelalter, herausgeg. vom Historischen Museum der Pfalz, Speyer (H. Cantz), 2004, S.59-68.

Renate Engels: “Topographie des j├╝dischen Speyer im Mittelalter”, in: Europas Juden im Mittelalter, op. cit., S.69-76.

Pia Heberer: “Die mittelalterliche Synagoge in Speyer. Bauforschung und Rekonstruktion”, in: Europas Juden im Mittelalter, op. cit., S.77-82.

Monika Porsche: “Die mittelalterliche Synagoge in Speyer”, in: Egon Wamers / Fritz Backhaus (Hg.): Synagogen, Mikwen, Siedlungen. J├╝disches Alltagsleben im Lichte neuer arch├Ąologischer Funde. Schriften des Arch├Ąologischen Museums Frankfurt 19, Frankfurt (Arch├Ąologisches Musum), 2004, S.129-138.

Links:

Vgl. die Seite zu Speyer der Gesellschaft f├╝r Christlich-J├╝dische Zusammenarbeit Pfalz -  hier

Frankfurt am Main

Anders als f├╝r die rheinischen Gemeinden ist eine genaue Datierung der Entstehung einer j├╝dischen Gemeinde in Frankfurt aufgrund fehlender Dokumente nicht m├Âglich. Da Frankfurt nicht im Rahmen der Kreuzzugsprogrome 1096 erw├Ąhnt wird, d├╝rfte damals also noch keine dauerhafte Ansiedlung bestanden haben, folgert Isidor Kracauer (Geschichte der Juden in Frankfurt 1150- 1828, Bd.1, Frankfurt a.M. 1906, S.2, >>online).  Die erste Erw├Ąhnung von Juden in Frankfurt, die auf die Existenz einer Gemeinde schlie├čen l├Ąsst, gibt es in dem Buch Eben ha-Eser des Rabbi Elieser ben Nathan aus Mainz (gest. um 1150).

Die sp├Ąter so genannte Judengasse war das 1462 am Stadtrand errichtete Ghetto (siehe auf Judengasse Frankfurt) und darf nicht mit dem mittelalterlichen Judenviertel verwechselt werden. Dieses erste Frankfurter Judenviertel erstreckte sich zwischen dem “Dom” (= Bartholom├Ąuskirche, der sp├Ąter so genannte Kaiserdom war nie Bischofssitz und daher auch kein Dom) und dem Mainufer mit dem Hafen und Umschlagplatz f├╝r Waren (auf der Karte unten hinzuzudenken). Das Judenviertel lag damit in mehrfacher Hinsicht mitten in der Stadt. Als der Frankfurter Stadtrat Mitte des 15. Jh.s gegen die Pr├Ąsenz der j├╝dischen Mitbewohner so nahe am Dom protestierte und schlie├člich die Errichtung der Judengasse als erstes Ghetto am damaligen Stadtrand durchsetze, da hatten die Frankfurter B├╝rger schon ein jahrhundetelanges Zusammenleben mit den Juden hinter sich, das nur durch zwei Pogrome, 1241 und 1349, getr├╝bt worden war und worauf jeweils wieder relativ schnell eine Neuansiedlung erfolgte. Mit anderen Worten: Von diesen beiden Progromen abgesehen, hatten sich die Christen lange Zeit nicht an der Pr├Ąsenz von Juden in unmittelbarer N├Ąhe des Doms gest├Ârt.

Zum Ghetto Judengasse siehe auf unserer Seite Fr├╝he Neuzeit. auf der Extraseite zur Frankfurter Judengasse sowie in der Infodatenbank des J├╝dischen Museums / Museum Judengasse Frankfurtwww.judengasse.de

Altes Judenviertel Frankfurt
Ausschnitt Altes Judenviertel Franklfurt

Plan der Frankfurter Innenstadt mit dem alten Judenviertel bis 1349 bzw. 1462. Urspr├╝ngliche Zeichnung von Christian Ludwig Thomas, in: Isidor Kracauer: Geschichte der Frankfurter Juden im Mittelalter, Frankfurt a.M. (Kaufmann), 1914.

Wikimedia Commons

Ausschnittvergr├Â├čerung (W.G.)

W. Geiger, 3.8. / 23.8.2010 / 10.10.2010 / 20.22.2010 / 31.12.2011

Weiteres folgt...

Auf der Seite Mittelalter 3.2.: Erfurt und Stra├čburg.

 

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