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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - Jüdisches Museum Frankfurt

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AG Deutsch-JĂŒdische Geschichte

im

Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer


Deutsc
hlands (VGD)

Historikertag 2006 in Konstanz
„Geschichtsbilder“
Sektion: Deutsch-jĂŒdische Geschichte im Unterricht: Sondergeschichte – Beziehungsgeschichte – gemeinsame Geschichte?


Im Rahmen des Historikertages organisierte die AG Deutsch-jĂŒdische Geschichte eine eigene Sektion (Programm: Sektion) mit einer von der AG selbst prĂ€sentierten Einheit

Rezensionen der Sektion im Web:
von K. Rauschenberger auf HSozKult (in der H-Net-Edition hier), verfĂŒgbar auch auf geschichte.transnational
von M. Barricelli auf S.4f. seines Querschnittberichts Fachdidaktik fĂŒr H-Net/Clio-Online auf HSozKult
 

Ballof/Geiger/Liepach
Beispiele fĂŒr eine integrative Perspektive der deutsch–jĂŒdischen Geschichte

Der nachfolgende Text ist die verschriftlichte Fassung eines Beitrages daraus.

 

Wolfgang Geiger
Deutsch-jĂŒdische Geschichte im Mittelalter /

Der Mythos vom jĂŒdischen Geldverleih



Abstract:
Deutsch-jĂŒdische Geschichte im Mittelalter. Ausgehend von einer Kritik klassischer Darstellungen in Hand- und SchullehrbĂŒchern soll gezeigt werden, wie sich das Klischee der exklusiven Beziehung der Juden zum Geldverleih perpetuiert, weil es vom Vorurteil zum ErklĂ€rungsmuster fĂŒr die Verfolgungen wurde. Dies aufzubrechen gelingt nur durch die Integration der jĂŒdischen in die allgemeine Geschichte (Geldwirtschaft, Bedeutung des Zinsverbots usw.): eine Herausforderung fĂŒr Wissenschaft und Didaktik.



Geschichtsbilder sind hÀufig auch Trugbilder. Ich möchte mit einem Bild anfangen, das gar nichts mit meinem Thema der mittelalterlichen
Geschichte zu tun hat und zunĂ€chst auch nichts mit der jĂŒdischen Geschichte – genau das ist freilich das Problem.
Eine bekannte und in vielen SchulbĂŒchern verwendete Karikatur von 1788 – „Woher kommt das französische Staatsdefizit?“ (siehe: hier) –  zeigt Ludwig XVI., wie er seinen Minister Necker nach dem Verbleib des Geldes fragt, wĂ€hrend im Hintergrund ein Geistlicher und ein Adliger SĂ€cke voll Geld wegschleppen. Bei einer Interpretation dieser Bildquelle vor einigen Jahren in einer 9. Klasse wurde von den SchĂŒlern der Geistliche, der das Geld wegschleppt, schnell erkannt, die andere Person dann jedoch von einer SchĂŒlerin fĂ€lschlich als „Jude“ identifiziert. Das war gar nicht antisemitisch gemeint, im Gegenteil: Sie erkannte hierin vermeintlich ein antisemitisches Motiv, das sie denunzieren wollte. Quasi auf der Meta-Ebene ist sie damit aber leider dem Vorurteil als solchem aufgesessen: Musste nicht jemand, der Geld wegrafft, Jude sein bzw. als solcher gesehen werden?

Auch Lehrer und Schulbuchautoren sind gegen solche KurzschlĂŒsse im Kopf nicht immun, wie ein Bild aus einem Schulbuch fĂŒr die 8. Klasse von 1995 zeigt. Der Verlag soll hier wie auch bei den folgenden Beispielen ungenannt bleiben, weil es mir nicht darauf ankommt, einige Verlage vorzufĂŒhren und andere dadurch scheinbar zu entlasten, denn kritikwĂŒrdig sind mehr oder weniger eigentlich alle – jedenfalls alle, die ich kenne.

Im Rahmen des Themas „Juden im Mittelalter“ wird die Abbildung eines GemĂ€ldes des Malers „Quintus“ mit dem Titel „Ein jĂŒdischer Geldwechsler und seine Frau“ gezeigt.  Der Geldwechsler auf diesem GemĂ€lde aus der flĂ€mischen Schule ist jedoch auch kein Jude und der KĂŒnstler heißt ĂŒbrigens auch nicht Quintus sondern Quentin Metsys (oder Messys); das Bild hĂ€ngt im Louvre und wird „Der Geldverleiher“ (Le prĂȘteur oder auch Le peseur d’or – „der GoldabwĂ€ger“) genannt (siehe: hier), abgebildet ist ein katholischer flĂ€mischer Kaufmann oder Bankier. Auch hier scheint den Lehrbuchautor die Idee geleitet zu haben, dass Geldverleiher und Juden identisch waren. Darauf lĂ€uft auch ganz exemplarisch, d.h. beispielhaft fĂŒr faktisch alle SchulbĂŒcher, wenn auch mit NĂŒancen, der begleitende Text hinaus, der die Spezialisierung der Juden auf den Geldverleih und die damit einhergehende Verschuldung „zahlreicher BĂŒrger einer Stadt“ als Grund fĂŒr das dann fast zwangslĂ€ufig ausbrechende Pogrom darlegt, mit dem sich die BĂŒrger von ihren Schulden befreiten.

Das uralte Klischee der Identifikation von Juden und Geld scheint unĂŒberwindbar zu sein. Grundlage fĂŒr die ErklĂ€rung der Pogrome ist hier wie andernorts auch die suggestive Idee, dass es quasi ein jĂŒdisches Monopol des Geldverleihs gegeben habe – so sehr, dass selbst, wie das Bild zeigt, ein christlicher Bankier fĂ€lschlich als Jude identifiziert wird. So wie seinerzeit Bernhard von Clairvaux im 12. Jh. diesbezĂŒglich den Begriff „judaizare“ gebrauchte und vielleicht sogar damals erfand, dabei aber gleichzeitig auch deutlich machte, dass Christen ebenso diesem GeschĂ€ft nachgingen (siehe unten).

Dieses Schulbuchbild ist natĂŒrlich ein Einzelfall – kein Einzelfall ist jedoch das dem zugrunde liegende Geschichtsbild.
BeschĂ€ftigen wir uns mit einem Schulbuch fĂŒr die Klasse 11, von 1989, nicht mehr ganz neu, gewiss, aber keineswegs veraltet, und hier auch exemplarisch verstanden.

Unter der Überschrift: Die Juden – eine ungeliebte Minderheit – fast eine Tautologie, „alle Minderheiten sind unbeliebt“, sagte mir dazu sehr treffend letztes Jahr eine israelische Kollegin – wird exemplarisch verdeutlicht, dass die Juden in eine „Sonderrolle“ gedrĂ€ngt wurden, weil das „Zinsnehmen unchristlich“ war, also den Christen verboten, und alle „Geldgeber unbeliebt“ sind. Auch hier verschuldet sich quasi die ganze Stadt bei den jĂŒdischen „Wucherern“ um dann mordend ĂŒber sie herzufallen und sich dadurch von den Schulden zu befreien. Andere Motive werden in diesem wie auch in anderen LehrbĂŒchern wohl genannt, doch bleiben diese Motive – religiöser Vorwurf des Christusmordes, GrĂ€uelmĂ€rchen von KindsentfĂŒhrungen und Ritualmorden... – zwanglĂ€ufig sekundĂ€r gegenĂŒber dem primĂ€ren und leicht von jedem nachvollziehbaren materiellen Motiv.

Dies wird um so mehr bestĂ€rkt durch die fatale RandĂŒberschrift „Privilegien, Verfolgung, Vertreibung“, eine AufzĂ€hlung, die zwangslĂ€ufig eine kausale Verkettung evoziert, mit einer Fortsetzung, die den SchĂŒlern sehr wohl in den Sinn kommt. „Privi- legien“ ist zumal kein wertfreier Begriff, wenn er nicht im historischen Kontext erklĂ€rt wird, und somit wird eine negativ Qualifizierung – die Bevorteilung vor anderen – als Grund fĂŒr die Verfolgungen benannt, fĂŒr letztere also VerstĂ€ndnis hervor- gerufen.

Das Trugbild vom jĂŒdischen Wucherer wird auf diese Weise vom damaligen Vorurteil der Anklage zum heutigen Vorurteil der ErklĂ€rung: Es rechtfertigt nicht mehr die Gewalttaten – die werden natĂŒrlich verurteilt – doch es erklĂ€rt sie scheinbar.

An spĂ€terer Stelle im selben Lehrbuch wird auf den FrĂŒhkapitalismus eingegangen. Hier ist von „wagemutigen italienischen Handelsherren“, von „risikofreudigen Bankers“ die Rede. Sie leiteten „bedeutende Geldinstitute“ dank „gewinnbringender GeschĂ€ftspraktiken“. Was war dabei anders als bei den Juden? Schon die Begrifflichkeit offenbart uns die unterschiedliche Wertung: hier „ungeliebte Geldverleiher“, dort „risikofreudige Bankiers“. Was macht den Unterschied? Ein ganz aktuelles Lehrbuch fĂŒr die 8. Klasse erklĂ€rt uns, dass den Christen das Zinsnehmen erst ab 1425 erlaubt worden sei.

Doch wie war es wirklich? Eine Befreiung vom Sog des Klischees kann nur dadurch geschehen, dass man sich nicht nur die jĂŒdische, sondern viel mehr noch die christliche Geschichte nĂ€her ansieht, besser, indem man beide kontrastiv und integrativ betrachtet.
Das Lehrbuch fĂŒr die 11 hĂ€tte dazu einen Ansatz liefern können. Als Illustration zu den „risikofreudigen italienischen Bankers“ gibt es dort die Abbildung eines interessanten italienischen GemĂ€ldes aus dem 14. Jh. Es zeigt eine italienische Bank mit einem im Hintergrund eingefĂŒgten Zitat aus der Bibel. Es ist eines der Bibelzitate zum Wucherverbot, was ursprĂŒnglich den Zins als solchen meinte. Das GemĂ€lde hĂ€tte man an dieser Stelle im Sinne des integrativen historischen Ansatzes tatsĂ€chlich einsetzen können, denn es illustriert das Buch des Genuesers Cocharelli Ende des 14. Jh.s ĂŒber die Sieben SĂŒnden. Der Wuchervorwurf galt wohlgemerkt nicht den Juden sondern den Italienern und der Autor war wie andere vor und andere nach ihm diesbezĂŒglich ein Rufer in der WĂŒste.

Denn im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung wurde das katholische Zinsverbot in der RealitÀt wenig respektiert. Der Fehler im leider weit verbreiteten klischeehaften Bild vom Mittelalter ist, dass man die kanonische Rechtsetzung mit der Rechtswirklichkeit identifiziert. Dem war aber nicht so.

ZunĂ€chst war das kirchliche Recht kein weltliches Recht. Die Kirche konnte den Wucherern nur mit Verweigerung eines christlichen BegrĂ€bnisses oder der Exkommunikation zu Lebzeiten drohen. Einen spektakulĂ€ren Fall dieser Art scheint es aber nicht gegeben zu haben. Stattdessen ĂŒberbieten sich die wissenschaftlichen Untersuchungen hierzu bis hin zu fachlichen Darstellungen fĂŒr ein breiteres Publikum mit dem Beweis dessen, dass das Zinsnehmen seit den frĂŒhesten erhaltenen Quellen, also ungefĂ€hr dem 12. Jh., in der einen oder anderen Form ĂŒblich war. Dazu gehörten auch Strategien zur Umgehung des Zinsverbots, die sich selbst wieder zu kreditwirtschaftlichen Instrumenten weiterentwickelten. Zu nennen ist hier die in Genua entstandene commenda, das Kommanditprinzip, die Beteiligung eines Geldgebers als stillem Teilhaber an Gewinn und Verlust eines Unternehmens. Der dabei erzielte Gewinn galt nicht als Verzinsung des geliehenen Kapitals. (So wird ĂŒbrigens heute noch in streng islamischen LĂ€ndern verfahren.) Oder man kaschierte den Zins in dem Vorgang selbst des Geldwechsels, Verleihs oder Transfers.

Die von mir in der Mini-Dokumentation [Auswahl davon siehe unten] zusammengestellten Texte beleuchten den fachwissen- schaftlichen Stand zum Thema Zins und Wucher. Es handelt sich dabei um Erkenntnisse von Untersuchungen, die z.T. schon aus dem 19. Jh. stammen. Warum sind sie immer noch kein Allgemeinwissen ?

Die AbsurditĂ€t dieser Situation möchte ich abschließend noch einmal zuspitzend verdeutlichen am Beispiel des IV. Lateranischen Konzils von 1215, das allgemein im Hinblick auf Zinsverbot und die Kennzeichnung von Juden bekannt ist und dementsprechend als Referenz zitiert wird. Zur selben Zeit, quasi auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen den Wucher, waren in Italien selbst ZinssĂ€tze von 20% per annum ĂŒblich, wie Peter Spufford, Professor in Cambridge und profunder Kenner der Geldgeschichte, dargelegt hat.

Die fachwissenschaftliche Erkenntnis bleibt offenbar Erkenntnis der Experten, wĂ€hrend allgemeine Darstellungen und insbesondere LehrbĂŒcher weiterhin das Gegenteil reproduzieren, nĂ€mlich die alten Klischees, die alten Vorurteile – in erklĂ€render Absicht, gewiss. Trotzdem falsch, trotzdem fatal.

Ich gehe daher soweit zu behaupten, dass in diesem Geschichtsbild von Zins, Wucher, Christen und Juden im Mittelalter das kanonische Zinsverbot ein Mythos ist, insofern dabei suggeriert wird, das Verbot sei auch RealitĂ€t gewesen, und wenn darauf die ErklĂ€rung des KonfliktverhĂ€ltnisses zwischen Christen und Juden basiert. Ein Mythos im Sinne der Dialektik der AufklĂ€rung von Adorno und Horkheimer: Mythos als „falsche Klarheit“.
Dessen muss sich eine wissenschaftliche und didaktische Aufarbeitung der gemeinsamen christlich-jĂŒdischen Vergangenheit bewusst werden.
 

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Zum Wortlaut des IV. Lateranischen Konzils siehe auf unserer Seite Materialien > Mittelalter 1, zum Geldverleih auch auf Mittelalter 2.

Eine ausfĂŒhrlichere Analyse zum Thema Geldverleiher und Bankiers gibt es auf unserer Seite Themen/Analysen Tagung Halberstadt - mit ergĂ€nzender Bibliographie und Links

Texte, Literatur, Links zum Thema Juden, Christen und das Problem des Geldverleihs im Mittelalter [aktualisiert 2009]

Eine prÀgnante Zusammenfassung zur Zinsproblematik liefert der Online-Aufsatz von Roberto Naranajo auf eHistory at The Ohio State University (hier)

Eine hervorragende zusammenfassende und dennoch außerordentlich prĂ€zise Darstellung der Thematik gibt Johannes Fried in seiner „Einleitung“ zum Buch von Jacques Le Goff, das er dabei nicht nur ergĂ€nzt, sondern in manchem auch korrigiert:
Jacques Le Goff: Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter. Mit einer EinfĂŒhrung von Johannes Fried, „Zins als Wucher“, S.134-174, Stuttgart (Klett-Cotta) (2)2008.


Weitere bibliographische Hinweise und Links:

Franz Xaver Funk: Zur Geschichte des Wucherstreites, TĂŒbingen (H. Laupp), 1901.

R. Hoeniger: „Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frĂŒhern Mittelalter“, in: Zeitschrift fĂŒr die Geschichte der Juden in Deutschland, 1. Jg., 1887, Heft 1, 65-97. (online auf CompactMemory)

Georg Caro: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und in der Neuzeit, 2 Bde, Frankfurt a.M. 1908, 21924, Reprint Hildesheim (Olms), 1964.

Moses Hoffmann: Der Geldhandel der deutschen Juden wÀhrend des Mittelalters bis zum Jahre 1350. Ein Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte im Mittlelalter, Leipzig (Duncker & Humblot), 1910. (Staats- und sozialwissenschaftl. Forschungen, hrsgg. v. G. Schmoller u. M. Sering, H. 152). Reprint Schmidt Periodicals, Bad Feilnbach, 1990.

Js. E. Zlocisti: „Der Geldhandel der Christen in Deutschland wĂ€hrend des Mittelalter (bis ca. 1350)“, in: Ost und West 1/1913, 46-49 und 2/1913, 146-150. (online auf CompactMemory)

Hans-Jörg Gilomen: „Wucher und Wirtschaft im Mittelalter“, in: HZ 250, H.2, April 1990, 265-301.

Robert-Henri Bautier / Robert Auty / Norbert Angermann (Hg.): Lexikon des Mittelalters, MĂŒnchen (Artemis & Winkler / LexMA-Verlag), 1991ff., cf. „Lombarden“, „Zins“, „Wucher“ u.a.

Arye Maimon / Mordechai Breuer / Yacov Guggenheim (Hg.): Germania Judaica, Bd. III.3, TĂŒbingen (Mohr), 2003, dort: “Die wirtschaftliche TĂ€tigkeit”, 2139-2164.

Michael Toch: „Geldverleiher und sonst nichts? Zur wirtschaftlichen TĂ€tigkeit der Juden im deutschen Sprachraum des Mittelalters“, in: Tel Aviver Jahrbuch fĂŒr deutsche Geschichte XXII/1993, 117-126.

Johannes Heil / Bernd Wacker (Hg.): Shylock? Zinsverbot und Geldverleih in jĂŒdischer und christlicher Tradition, MĂŒnchen (Fink), 1993.


Quellen zum “Wucher” christlicher Geldverleiher

Geldwechsel, Kredit und Zins – Finanzpraktiken auf der Champagne-Messe
Geldanleihe gegen Zinsen. Aus einem italienischen Vertag von 1161
Quellen mit Kommentar und weiteren bibliographischen Angaben auf Historia Universalis - siehe: hier

Eine prÀgnante Darstellung der RealitÀt der Konkurrenz zwischen Lombarden (Italienern) und Juden im KreditgeschÀft gibt es auf der DFG-geförderten Website Damals in Europa, siehe: hier

Siehe auch zum interkulturellen Kontext der Entstehung der modernen Geldwirtschaft im Mittelalter:
Wolfgang Geiger: „Spezereien und Zahlungsverkehr aus dem Mittelmeerhandel. Fortschritte des modernen Geldwesens durch den Fernhandel im Mittelalter“, in: Geschichte lernen N°130, Juli 2009, S.9-17

Die bibliographischen Hinweise wurden ĂŒberarbeitet am 19.12.2009 (W. Geiger)

 

Auswahl von drei Texten:

Über Bernhard von Clairvaux:

„Jetzt [= beim 2. Kreuzzug] waren auch die Christen mehr als beim ersten Kreuzzug vorbereitet, einen wirksameren Judenschutz zu erreichen. Der Mönch Radulf, ein Zisterzienser, der als Pogromprediger durch die Lande zog, wurde von Bernhard von Clairvaux abberufen, der sich seinerseits erfolgreich fĂŒr die Juden einsetzte. Die Berichte der hebrĂ€ischen Chroniken stellen ihm das beste Zeugnis aus und feiern ihn als Retter. Bernhard nahm auch zum Vorwurf des jĂŒdischen Geldwuchers Stellung und bezeichnete in einem an die Geistlichkeit und das Volk in Ostfranken und Bayern gerichteten Schreiben die christlichen Geldverleiher als noch Ă€rger. Doch gebrauchte er fĂŒr Geldverleih auf Zinsen den Terminus „judaizare“, also einen eindeutig pejorativen Begriff.“
Kurt Schubert: JĂŒdische Geschichte, MĂŒnchen: Beck, 1995ff., S.47.


Über die RealitĂ€t des Zinses zu Zeiten des IV. Lateranischen Konzils 1215:

„Um 1200 gewĂ€hrten Bankiers in Genua GeschĂ€ftsÂŹkredite zu einem Jahreszinssatz von 20 Prozent, 1211 in Florenz zu 22 Prozent, und in Venedig verlieh Pietro Ziani, der Doge von 1205 bis 1229, Geld zu 20 Prozent, genau wie sein Vater vor ihm. Geldmittel, die sich in den HĂ€nden der frommen Stiftungen angesammelt hatten und an die in der Levante Handel Treibenden verliehen wurden, hĂ€tten im Venedig des 12. Jhs. ebenso 20 Prozent Zinsen erzielt.“
Peter Spufford: Handel, Macht und Reichtum. Kaufleute im Mittelalter, Darmstadt: WBG, 2004, S.34


„Das kirchliche Wucherverbot basierte - zugespitzt formuliert - auf der Ansicht, daß Geld als eine unfruchtbare Sache nicht selbst Geld hervorbringen könne oder dĂŒrfe. Die kirchlichen AutoritĂ€ten verfuhren dabei so wie heutzutage beim Verbot aller von ihnen als nicht- oder widernatĂŒrlich deklarierten Praktiken der EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung. Das Verbot wurde ausgesprochen und immer wieder bekrĂ€f- tigt, obwohl jedermann wußte, daß jedermann, der dazu in der Lage war, es ĂŒbertrat.“
Auszug aus einer hervorragenden Darstellung aufgrund einer konkreten Untersuchung der Finanzpraktiken auf den mittelalterlichen Messen in:
Heinz Thomas, „Die Champagnemessen“, in: Rainer Koch (Hg.): BrĂŒcke zwischen den Völkern – Zur Geschichte der Frankfurter Messe Bd. 1: Frankfurt im Messenetz Europas – ErtrĂ€ge der Forschung, hrsg. von Hans Pohl, Frankfurt a.M.: Historisches Museum / Union Druckerei, 1991, 25-27.
 

Vgl. auch den Kommentar zum IV. Lateranischen Konzil 1215 auf Mittelalter 1 sowie Quellen zum Geldverleih auf Mittelalter 2.

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