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Jacobson Bild

Israel Jacobson /1768-1828)
Wikimedia Commons

Zur Geschichte der Israel-Jacobson-Schule
in Seesen

 

Rolf Ballof

Literatur zur Geschichte der Jacobsonschule

Erschienen in: Die Glocke, Zeitschrift der Ehemaligen der Jacobsonschule, 2005, S. 12 - 18

 

Seit den 80er Jahren hat – parallel zu den Entwicklungen in der Historiografie – die Besinnung auf die Geschichte des eigenen Lebens, des eigenen Herkommens und der sozialen Umwelt zugenommen.  Je ungewisser die Zukunft ist, je un├╝bersichtlicher die Gegenwart sich darbietet, desto weniger sind die Gewissheiten, auf die man sich verlassen kann. Es beginnt eine Suche nach Gewissheiten in der Vergangenheit.

Die Nachkriegszeit war noch getragen von der Selbstverst├Ąndlichkeit der Gewissheiten, die zwar einen Bruch erlebt hatten, aber diesen Bruch durch Ankn├╝pfen an die Gewissheiten vor dem Bruch, der so zu einem Unfall auf dem richtigen Weg wurde, heilen wollte. Die vormals gesellschaftlich verabredeten Werte sollten wieder hergestellt werden. Kontinuit├Ąt sollte gewahrt bleiben. Erst die 70er Jahre machten deutlich, dass ein Ankn├╝pfen an Vorheriges nach dem Bruch nicht m├Âglich war. Die gesellschaftliche Entwicklung forderte neue Einstellungen; das brachte Unsicherheit mit sich, neue Formen des Zusammenlebens waren zu finden, neue Werte traten z.T. an die Stelle der alten (Wertewandel), die Verl├Ąsslichkeit der Strukturen schwand. Das alles f├╝hrte zur Besinnung auf die Geschichte.

So auch an der Jacobsonschule, wof├╝r die Sch├╝leropposition der 60er und 70er Jahre – dokumentiert in der Sch├╝lerzeitschrift/ Schulzeitschrift ÔÇ×Glocke“ – bedeutende, ├╝ber den Raum Seesen sichtbare Zeichen setzte.

Eine Besch├Ąftigung mit der Geschichte der Schule bezieht sich auf folgende Bereiche:

  1. pers├Ânliche Erinnerungen von ehemaligen Sch├╝lern;
  2. Geschichte der Schule im engeren Sinn;
  3. Bewertung der Lebensleistung von Israel Jacobson, vor allem seine Stellung in der Emanzipationsbewegung;
  4. Die Architektur und Ausstattung der Schule, darunter auch die Diskussion um die Einrichtung der ersten Orgel in einer Synagoge.

In den folgenden Ausgaben der Glocke sollen die einzelnen Bereiche vorgestellt werden; in dieser Ausgabe soll die Literatur zur Geschichte der Schule im engeren Sinn vorgestellt werden.

Zum Jubil├Ąum erschienen drei B├╝cher zur Geschichte der Schule (1) und eine kleinere Darstellung zur Geschichte der Jacobson- Stiftung (2). Im Folgenden sollen die vier Ver├Âffentlichungen  vorgestellt werden.(3)

 

Meike Berg 41205703

 

Meike Berg
J├╝dische Schulen in Niedersachsen
Tradition – Emanzipation – Assimilation
K├Âln 2003

 

 

 

Die Festschrift enth├Ąlt folgende Teile:

  1. Diese Arbeit ist aus einer Promotion am Bereich f├╝r Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universit├Ąt Hildesheim – bei Professor Rudolf Keck - hervorgegangen.

Bei der Erl├Ąuterung ihres Forschungsansatzes begreift M. Berg die j├╝dische Bildungsgeschichte am Beispiel der beiden Schulen als wesentlichen Strang, der zur Emanzipation der Juden f├╝hren sollte. Gleichzeitig wird die Emanzipation der Juden als Teil des Wandels von der st├Ąndisch-feudalen zur b├╝rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft definiert.

Hier deutet sich schon die Frage an, ob die Juden Subjekte oder Objekte der Emanzipation gewesen seien. Sie schlie├čt sich letztlich der Auffassung von Hans-Michael Bernhardt (4) an, nach dem die Emanzipation der Juden ein Mitnahmeeffekt des Wandels zur b├╝rgerlichen Gesellschaft war. Das kann man so sehen, m├╝sste jedoch auch die Rolle der zu Emanzipierenden in dem Prozess w├╝rdigen. Einige Hinweise dazu:

  1. So einfach – wie dargestellt – war auch die Emanzipation in Frankreich nicht. Die Nationalversammlung unterschied die Juden aus der Gironde und den ehemals p├Ąpstlichen Gebieten um Avignon und Carpentras durchaus von den Juden des Elsasses und Lothringens und behandelte sie unterschiedlich. Die Diskussion um die Emanzipation war sehr umfangreich, intensiv und kontrovers. Jeromes Emanzipation im K├Ânigreich Westphalen z.B. ging seinem Bruder Napoleon entschieden zu weit.
  2. Nicht herangezogen wird die Rolle von Moses Mendelssohn bei der Abfassung der Schrift ÔÇ×├ťber die b├╝rgerliche Verbesserung  der Juden“ (1781) durch Christian v. Dohm und seine Mitwirkung bei dem Toleranzedikt Josephs II. ebenfalls von 1781.
  3. Nicht in Betracht werden die innerj├╝dischen Bildungsanstrengungen gezogen, die die herk├Âmmliche Talmud-Toraschulen um eine allgemeine Bildung erweitern wollte, wobei sich Naphtali Hartwig Wessely (5) auf fr├╝here Lerninhalte j├╝discher Bildung bezog, die durch die Stellung der Juden in ihren Umgebungsgesellschaften versch├╝ttet waren.

Breiten Raum nimmt die Diskussion des Begriffes Emanzipation ein. M. Berg entscheidet sich – nach Darlegung des Forschungsstandes der verwendeten Begriffe (u.a. Assimilation, Ann├Ąherung, Aufgehen, Anpassung, Amalgamierung, Eingliederung, Verschmelzung und Akkulturation) f├╝r den Begriff der ÔÇ×gesellschaftlichen Assimilation“, weil mit ihm die Gefahr der Verlustes kultureller Eigenst├Ąndigkeit deutlich gefasst werden kann. Problematisch ist seine Verwendung – auch der konotierten Gefahr wegen – f├╝r die Zeit der Gr├╝ndung der Jacobsonschule deswegen, weil den Intentionen Jacobsons damit eine Wirkung unterstellt wird, die erst sp├Ąter virulent, f├╝r ihn aber nicht ahnbar wurde. Auch scheint die Entscheidung f├╝r den Begriff Assimilation nicht aus dem Forschungsstand hergeleitet, sondern eher dezisionistisch.

Neue Erkenntnisse zur Biografie Israel Jacobsons legt M. Berg nicht vor. Sie referiert umfassend und zuverl├Ąssig den bisher bekannten Bestand. Welchen geistigen Einfl├╝ssen Jacobson Raum gab, welche Reisen er machte - z.B. in die Niederlande und Frankreich -  und welche Eindr├╝cke er dabei erhielt, wird nicht thematisiert. Sein Verh├Ąltnis zur franz├Âsischen Emanzipationsbewegung, seine Begegnungen mit den Sepharden in S├╝dfrankreich, seine Bekanntschaft mit dem h├Âchst einflussreichen Abb├ę Gregoire, der ├╝brigens auch  Seesen besuchte, seine Wahl der sephardischen Sprache f├╝r den Synagogengottesdienst, soweit er nicht in Deutsch abgehalten wurde, kurz: Jacobsons Beeinflussung durch die franz├Âsische Emanzipationsbewegung wird nicht belichtet. Damit werden die Abkehr vom Braunschweigischen Herzog, die Zuwendung zu J├ęrome (1806) und Jacobsons Aufbl├╝hen in der Zeit mit J├ęrome nicht in ihren inneren Zusammenh├Ąngen erkannt und f├╝r die Seesener Gr├╝ndung nicht verwandt. Statt dessen wird wieder einmal – wie in der Literatur ├╝blich - der Einfluss Moses Mendelssohns mehr behauptet als nachgewiesen, obwohl Wege der Argumentation daf├╝r – auch ├╝ber Naphtali Hartwig Wessely (s.o.) mit seinem p├Ądagogischen Programm – offen stehen.

Gelungen ist die Darstellung der Seesener Gr├╝ndung Sie ist umfassend aus den Akten erarbeitet, neue Erkenntnisse gewinnt M.Berg vor allem in der Darstellung der Finanzierung der Gr├╝ndung und ihrer Ausstattung. Die Auseinandersetzungen Jacobsons mit der Stadt ist detailliert dargestellt, M. Berg vermag auch die Motive der Stadtregierung gegen eine Gr├╝ndung und vor allem gegen den Status der Schule zu w├╝rdigen. Schwieriger wird es bei der Darstellung des Charakters der Schule. Zwar werden als Wurzeln Campes Konzept der Industrieschule und die P├Ądagogik der Philanthropen genannt, eine Verbindung zwischen diesen beiden Konzepten mit der Konzeption und Wirklichkeit der Schule ist nicht einmal im Ansatz versucht, wenn auch die Diskussion um die Zielsetzung der Schule (allgemeine und h├Âhere Ausbildung {Direktor und Lehrer}, vs. Elementarausbildung die zur Aufnahme eines handwerklichen Berufes bef├Ąhigen sollte {Jacobson}) umfassend und differenziert mit durchaus neuen Einsichten dargestellt wird.

Die weitere Geschichte der Schule behandelt M. Berg chronologisch in folgenden Kapiteln (6):

  1. Die Jacobson-Schule zwischen Industrie- und Elementarschule;
  2. Die Jacobson-Schule – ├ťber die B├╝rgerschule zur Realschule;
  3. Die Jacobson-Schule – Das finanzielle Aus und die Verstaatlichung.

 

Eingebettet in die Chronologie, verfolgt M. Berg folgende Komplexe in ihrer Entwicklung:

Die Ordnung der Schule (Schulgesetze), ihre finanzielle Lage und die Baugeschichte;

Hier kann sich M. Berg auf eine gute Quellenlage st├╝tzen. Unzweifelhaft k├Ânnen ihre Ergebnisse als gesicherte neue Erkenntnisse – vor allem, was die finanzielle Lage der Schule angeht - gewertet werden. Leider trifft das auf die Behandlung der Verstaatlichung der Schule nicht in gleichem Ma├če zu; aber die Verstaatlichung der Schule liegt nicht mehr in ihrem Untersuchungszeitraum, sondern an seinem Ende.

Die Einrichtung der F├Ącher, ihre Stundenanteile, ihre Funktion f├╝r die formellen Qualifikationen und passim auch die Berufswahl der Absolventen;

M. Berg erhebt umfassend den Bestand der F├Ącher, ihrer Stundenausstattung und ihre Kombinationen, die f├╝r das Erreichen formaler Qualifikationen von N├Âten ist. Die Verhandlungen der Schule und des Kuratoriums wegen der Milit├Ąrberechtigung (ÔÇ×Einj├Ąhriges“ ab 1870) ist differenziert und die Interessen und Motive der beteiligten ber├╝cksichtigend dargestellt. Hervorzuheben ist hier, wie auch die Stadt Seesen im Interesse ihrer jungen B├╝rger f├╝r die Milit├Ąrberechtigung eintrat.

Leider untersucht M. Berg nicht die Lehrinhalte der F├Ącher, nur f├╝r die Zeit von 1867 bis 1871 macht sie einige Bemerkungen – den Bericht Arnheim f├╝r diese Zeit zitierend (S. 166) – dazu. Das ist deswegen bedauerlich, weil die leitende Frage ihrer Untersuchung ÔÇ×Tradition – Emanzipation – Assimilation“ ohne eine Untersuchung der Lehrinhalte nicht wirklich beantwortet werden kann. Die Quellen f├╝r eine Untersuchung der Lehrinhalte sind vorhanden (Schulbuchlisten). ├ärgerlich ist eine Vernachl├Ąssigung der Lehrinhalte  vor allem, wenn unter der angegebenen Fragestellung auch die Inhalte der ÔÇ×j├╝dischen“ F├Ącher (Talmud, Hebr├Ąisch, Geschichte und Religion des Judentums) nicht untersucht werden.

Interessant sind die Hinweise auf die Berufswahlen der Absolventen, n├Ąmlich, dass j├╝dische Absolventen zumeist Berufe im kaufm├Ąnnischen Bereich w├Ąhlten und sich damit wenig flexibel zeigten. Dieses Ph├Ąnomen zu erkl├Ąren, reicht u.a. der Hinweis auf antisemitische Vorurteile der Umgebung nicht aus.

Zugang zur Schule, Sch├╝lerzahlen

Wichtige Ergebnisse zu den Zugangsbedingungen, zu den Sch├╝lerzahlen und zu den Anteilen von j├╝dischen (7) und christlichen, von Haussch├╝lern und Stadtsch├╝lern legt M. Berg in ihrer Arbeit vor. Leider hat sie die Ergebnisse nur in Teilen in Schaubildern zusammengefasst. Nicht ber├╝cksichtigt sind die Herkunftslandschaften der Haussch├╝ler, die ├╝ber die Reichweite  der Schule Auskunft gegeben h├Ątten, und – sicher schwer herauszufindende – Motive zu Besuch der Jacobson – Schule. (8)

Die Rolle der Schule im Kr├Ąftefeld:

    • die Stadt Seesen und ihre B├╝rgerschule,
    • das Konsistorium mit seinen Versuchen, die Schulaufsicht ├╝ber die Jacobson-Schule zu erlangen,
    • das herzogliche Ministerium als Schulaufsicht, die dann der Oberschulkommission ├╝bertragen wurde, und
    • das von der Familie Jacobson besetzte Kuratorium.

Die Arbeit der Schule begann in weitgehender Selbst├Ąndigkeit bei der Gestaltung des schulischen Lebens, der Unterrichtsinhalte und der Qualifikationen. Die Schule wurde nicht dem Konsistorium, auch nicht der Stadt Seesen, sondern allein dem herzoglichen Ministerium unterstellt; war also nicht in ein Bildungssystem eingeordnet. M. Berg stellt dar, dass diese Freiheit von drei Seiten in Frage gestellt wurde: einmal von den Interessen der zahlenden Haussch├╝ler, deren Eltern mit der Zahlung von Schulgeld auch die Erf├╝llung ihrer Erwartungen f├╝r ihre S├Âhne verbanden und zunehmend auf eine allgemeine Geltung der Abschl├╝sse dr├Ąngten. Zum Zweiten – den Eltern der zahlenden Haussch├╝lern vergleichbar – agierten die Eltern aus dem Raume Seesen. Ich wage sogar die Behauptung, dass die Aufnahme zahlender Pension├Ąre und von Sch├╝lern aus Seesen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Qualit├Ąt der Schule hatten. Die h├Âhere Zahl von Sch├╝lern erforderte mehr Lehrer und eine bessere Ausstattung, zog aber die Schule von ihrem urspr├╝nglichen Ziel (9) ab und f├╝gte sie in das allgemeine Schulsystem ein. Die urspr├╝ngliche Freiheit der Schule wurde noch von einer dritten Seite in Frage gestellt: von Seiten der staatlichen Administration. Konnte noch das Ausgreifen des Konsistoriums auf die Aufsicht ├╝ber die Schule abgewehrt werden, so ├╝bernahm das herzogliche Ministerium im Zuge der Angleichung im Bildungssystem, hervorgerufen durch die allgemeinen Qualifikationsanforderungen, immer mehr Kompetenzen. So war das Kuratorium nicht mehr allein zust├Ąndig f├╝r die Statuten, die Ausgestaltung der Schule, die Auswahl der Lehrer und bei der Festsetzung des Schulgeldes, sondern musste ab 1886 Einvernehmen mit der Herzoglichen Oberschulkommission herstellen. Auch die Auswahl von Lehrern wurde zu einer gemeinsamen Angelegenheit. Damit wurde die Schule ab 1886 Teil des deutschen Bildungssystems.  1893 und 1903 versuchte die Schule - konsequent der bisherigen Entwicklung folgend -  die Anerkennung als ├Âffentliche Schule zu erreichen. Erfolglos, weil die Jacobson – Schule als private Schule f├╝r den Staat eine billige Schule war. Erst der Zusammenbruch der finanziellen Ausstattung der Schule nach dem Ersten Weltkrieg und das Interesse der Stadt Seesen an einer zum Abitur f├╝hrenden Schule machte die Jacobson – Schule zu einer ├Âffentlichen, aber nun nicht mehr unter ihrem hergebrachten Namen. Diese Zusammenh├Ąnge hat M. Berg klar und umfassend in ihrer Arbeit dargestellt.

Bei der ├ťberschrift ihrer Zusammenfassung ver├Ąndert M. Berg ihre leitende Fragestellung ÔÇ×Tradition – Emanzipation – Assimilation“ in ÔÇ×Emanzipation – Assimilation und Tradition“. Das ist sinnvoll und man darf auf die Ergebnisse gespannt sein. Die zentrale Aussage lautet: Bereitschaft der Schule zur Assimilation wurde von der Regierung best├Ątigt und/oder zugestanden – oder andersherum: Entgegenkommen des Staates wird mit neuer Bereitschaft zur Assimilation beantwortet. Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden seien das ÔÇ×Eingehen der Jacobson – Schule auf die Bed├╝rfnisse der regionalen Umgebung“ ÔÇ×nicht mehr mit Zugest├Ąndnissen oder Privilegien beantwortet, sondern Konzessionen an eine weitergehende Integration in das deutsche Bildungswesen gekn├╝pft“ (10)  worden. M. Berg kommt zu dem Ergebnis: ÔÇ×Der subtile ├ťbergang von einem emanzipierten j├╝dischen Institut ├╝ber die Assimilation an das deutsche Bildungswesen bis hin zu einer Einrichtung, in der die urspr├╝nglichen Ziele bei der Gr├╝ndung der Jacobson – Schule nicht mehr zu erkennen waren,....“ (11) und weiter: ÔÇ×In den ersten 70 Jahren ihres Bestehens hatte die Jacobson -. Schule bewiesen, dass sie auf dem bildungspolitischen Wege die rechtliche Emanzipation und eine gesellschaftliche Assimilation hatte erringen k├Ânnen, dabei ihre religi├Âse Tradition nur marginal gewahrt hat.“ (12). Schauen wir genauer hin, wie diese Urteile zu Stande kommen!

Sie beruhen auf folgenden Annahmen:

Die urspr├╝nglichen Ziele seien andere gewesen, als die sp├Ąter verwirklichten.

Erstens leistet M. Berg keine umfassende Definition der urspr├╝nglichen Ziele. Sie zitiert (13) aus dem Antrag Jacobsons an den Herzog das Ziel  einer besseren sittlichen, kognitiven und k├Ârperlichen Bildung und das Ziel, den Sch├╝lern Besch├Ąftigung und Arbeiten zu geben. Hinzu soll auch eine modernere Unterweisung in der Religion kommen. Jacobsons Ziel war auch, die Jugend der Juden ÔÇ× ...dem Staate, in dem sie wohnen, n├╝tzlicher zu machen ...“ (14). Hier hilft M. Bergs Definition von der ÔÇ×gesellschaftlichen Assimilation“ nicht weiter; denn: Bildung und gerade Ausbildung ist bei aller Hochwertigkeit der Individuation zugleich auch Sozialisation, ein Begriff, denn M. Berg ├╝berhaupt nicht verwendet. Die soziale, ├Âkonomische und nicht zuletzt die politische Entwicklung wollte auch von den j├╝dischen Eltern der Jacobson – Schule f├╝r ihre Kinder bestanden werden und zwar in dieser Gesellschaft -  der Zionismus war noch unter dem Horizont.

Die marginale Bewahrung der religi├Âsen Tradition

M. Berg stellt fest: ÔÇ×Nach Israel Jacobsons Tod machte sich im Laufe der Jahre ein religi├Âser Indifferentismus unter den Direktoren und Kuratoren der Jacobson – Schule breit.“ (15). Sie f├╝hrt in ihrer Untersuchung drei Konflikte des jeweiligen Schul- leiters mit religi├Âs strengeren Hausv├Ątern an. Konkret ging es in einem Falle um Gartenarbeit am Sabbat. Weitere Belege werden nicht gegeben. Das ist f├╝r ein so weit reichendes Urteil zu wenig. M. Berg betont immer wieder, dass die Schule vor allem den wirtschaftlichen Erfolg im Auge gehabt habe. Es mag sein, dass ihre ├╝berzeugenden Untersuchungen zur Wirtschaftsf├╝hrung der Schule ihr dieses Argument nahe legte, doch so weit zu gehen, dass an der Jacobson–Schule ÔÇ×j├╝dische Elemente Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar insbesondere aus wirtschaftlichen Gr├╝nden noch gewahrt“ (16) wurden, ist eine Vermutung oder eine Hypothese, die sie nicht aus Befunden st├╝tzt. Um welche j├╝dischen Elemente soll es sich handeln ? Hier komme ich zu einem zentralen Punkt meiner Kritik: Um ├╝ber j├╝dische Anteile an der Erziehung und Bildung der Jacobson – Schule Aussagen zu treffen, m├╝sste man diese auf- und untersuchen. In der Arbeit von M. Berg finden sich keine Ausf├╝hrungen ├╝ber die Inhalte der ÔÇ×j├╝dischen“ F├Ącher, auch keine Ausf├╝hrungen zur Stellung der Synagoge im Schulleben und zum Synagogenbesuch, keine Ausf├╝hrungen dazu, wie die Schule sich ihrer j├╝dischen Wurzeln auf Feiern und Jubil├Ąen versicherte, keine Ausf├╝hrungen zu j├╝dischen Architekturelementen der Schule. M. Bergs Behauptung, die Samson – Schule in Wolfenb├╝ttel habe die j├╝dische Tradition st├Ąrker betont, h├Ątte ihr die M├Âglichkeit eines substantiellen Vergleichs gegeben.

├ärgerlich wird es dann, wenn wieder ohne Belege behauptet wird: ÔÇ×Deutscher als jede deutsche Schule begingen beide j├╝dischen Institute nationale Feiern,....“ (17). ├ärgerlich auch, aus der H├Ąrte, mit der eine antisemitische Aktion in der Schule geahndet wurde, zu schlie├čen, die H├Ąrte der Reaktion zeige, ÔÇ×dass die Vorg├Ąnge vermutlich nicht selten auftraten.“ Und weiter: ÔÇ×So d├╝rfte mancher (antisemitische) Vorfall unerw├Ąhnt geblieben oder unterdr├╝ckt worden sein.“ (18). Als Grund daf├╝r wird die schwierige wirtschaftliche Lage angegeben. Abgesehen von der Unzul├Ąssigkeit der Argumentation ex nihilo, soll die Argumentation zudem von Vermutungen gest├╝tzt werden. Es liegt nahe, auch an der Jacobson – Schule nach Antisemitismus zu suchen, doch es muss etwas gefunden, nicht erfunden werden.

Ein Letztes zu diesem Komplex: der Verzicht auf Belege j├╝dischen Lebens programmiert ein Ergebnis, das M. Berg die ÔÇ×marginale Bewahrung der religi├Âsen Tradition“ nennt.

Die vorliegenden Arbeit hat ihre St├Ąrken in der Darstellung der Gr├╝ndung, der wirtschaftlichen Verh├Ąltnisse, der Bedingungen des Lernens, der Auseinandersetzungen mit der Stellen der Schulaufsicht, sie hat Schw├Ąchen in der Verortung der Konzepte der Schule in der allgemeinen Entwicklung, besonders in der Zeit der Gr├╝ndung, der Darstellung des spezifisch J├╝dischen und passim auch in der historischen Argumentation.

Am Ende der Besprechung der Arbeit von M. Berg m├Âchte ich auf einige Desiderata der Forschung zur Jacobson – Schule hinweisen:

  1. die franz├Âsischen Erfahrungen Jacobsons und Schotts;
  2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Konzepten Jacobsons und  Schotts;
  3. Verortung des Seesener Konzepts in den Rahmen der deutschen Aufkl├Ąrung, besonders ihrer j├╝dischen Bildungsvorstellungen;
  4. die Lehrinhalte der ÔÇ×j├╝dischen“ F├Ącher (Hebr├Ąisch, Religion, Religionsgeschichte);
  5. j├╝dische Gebr├Ąuche im Alltagsleben der Sch├╝ler und das Leben um und in der Synagoge;
  6. Architekturelemente aus dem J├╝dischen in der Synagoge, in der Schule und im Schmuck der Geb├Ąude;
  7. die Vergewisserungen des Auftrags der Schule und des Andenkens an Israel Jacobson in den Schulfeiern;
  8. die Untersuchung, woher, aus welchen Gr├╝nden und mit welchen Zielen die Sch├╝ler von au├čerhalb Seesens kamen;
  9. die Fortf├╝hrung der Geschichte der Jacobson – Schule ├╝ber das Jahr 1922 hinaus.

F├╝r derartige Untersuchungen liegen Materialien in ausreichender Weise bereit.

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Vgl. auch die Rezension von R├╝diger Loeffelmeier in Erziehungwissenschaftliche Revue EWR 3 (2004), Nr. 4 (Ver├Âffentlicht am 05.08.2004), online hier

 


jacobsonfestschrift

 

Die Festschrift

Rolf Ballof/Joachim Frassl
200 Jahre Jacobson-Schule Seesen, Seesen 2001

 

 

 

 


Die Festschrift enth├Ąlt folgende Teile:

  1. Gru├čworte;
  2. Darstellung der Gr├╝ndung (mit Dokumenten);
  3. Israel Jacobson im Lichte der historischen Literatur;
  4. die Gr├╝ndung der Schule im Lichte ihrer Jubil├Ąumsfeiern;
  5. der Versuch einer Geschichte der Schule;
  6. eine Darstellung des Synagogenbaus und der Architektur der Schule, auch des Schulgeb├Ąudes von 1972;
  7. die Planungen aus den Jahren 1952/53, ein neues Internat zu errichten;
  8. einen umf├Ąnglichen statistischen Teil.

Die Herausgeber wollten einmal die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen zur Geschichte der Schule zusammen fassen (19), zum anderen die aus Anlass des Jubil├Ąums in Gang gekommenen Untersuchungen der ├ľffentlichkeit vorstellen. Sie beziehen dabei auch Ergebnisse der Arbeit von Meike Berg ein, die den Herausgebern ihr Manuskript freundlicher Weise zur Verf├╝gung gestellt hatte.

Hier sei vor allem auf den statistischen Teil hingewiesen. Sein Inhalt:

  1. die Namen, Lehrbef├Ąhigungen und  Dienstzeit aller Lehrerinnen und Lehrer seit 1801;
  2. die Namen aller Abiturientinnen und Abiturienten seit dem ersten Abitur von 1926;
  3. die Entwicklung der Sch├╝lerzahlen seit 1801
    • Haus- und Stadtsch├╝ler,
    • j├╝dische und christliche Sch├╝ler,
    • deutsche und ausl├Ąndische Sch├╝ler,
    • M├Ądchen und Jungen;
  4. die F├Ącherbelegungen der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler seit Einf├╝hrung der Sekundarstufe II im Jahre 1974.

Aus den Statistiken sind wertvolle Hinweise zur Geschichte der Schule zu entnehmen, z.B. zur p├Ądagogisch-didaktischen Arbeit der Schule, die sich in den Besonderheiten der F├Ącherwahlen niederschlagen, die mit niedersachsenweiten Statistiken, die ebenfalls abgedruckt sind, verglichen werden k├Ânnen.

 


 

jacobsonschuledoku

 

Die Dokumentation des Jubil├Ąums

Rolf Ballof/Joachim Frassl
200 Jahre Jacobson-Schule Seesen  - Dokumentation  Seesen 2003

 

 

 

 

 

 


Sie enth├Ąlt:

  1. eine Widmung und Einleitung des Schulleiters von 2001, in der er einen Beitrag zur Arbeit der Schule leisten will (ÔÇ×Emanzipation und Integration“, ÔÇ×Die j├╝dische Tradition der Schule“, ÔÇ×Die/der Einzelne“, ÔÇ×Die Schulgesellschaft“, ÔÇ×Die ÔÇÜSachen’“)
  2. den Festvortrag von Micha Brumlik ÔÇ×Israel Jacobson und das Reformjudentum in Deutschland“, eine weitere Betrachtung zur Geschichte und zum Auftrag der Schule, auch in heutiger Zeit;
  3. die Gru├čworte der Ehreng├Ąste (Vorsitzender des Landesverbandes der J├╝dischen Gemeinden Michael F├╝rst, Regierungspr├Ąsident Dr. Axel Saipa, Landrat Peter Kopischke, B├╝rgermeister Hubert Jahns);
  4. die Ansprache des Schulleiters zur Er├Âffnung der Ausstellung ÔÇ×Blickwechsel“;
  5. den Text (mit vielen Bildern) der Szenenfolge ÔÇ×Jacobsons Schulcooltour“, eine sehr erfolgreiche Auff├╝hrung der Theater – AG zum Jubil├Ąum;
  6. Dokumentation von Reaktionen der Presse und auf der HP;
  7. eine Chronik des Jubil├Ąums;
  8. die Besprechung eines von der damaligen Klasse 10 a in ihrer Klasse angefertigten Wandgem├Ąldes;
  9. einen Anhang, in dem die Ansprachen des 1991 gefeierten 190-j├Ąhrigen Jubil├Ąums abgedruckt sind.

 


Kleine Geschichte der Jacobson-Stiftung

Der bis 2003 amtierende Vorsitzende der Jacobson – Stiftung hat auf der Basis der Ergebnisse, die M. Berg vorgelegt hat, einige Ergebnisse seiner Arbeit zur Jacobson-Stiftung vorgelegt.

Im Mittelpunkt seiner Ausf├╝hrungen steht die Geschichte der Stiftung nach 1922, vor allem die Verhandlungen um die Verstaatlichung, ihr Verlust der Kompetenzen in der Zeit des Nationalsozialismus, ihre Enteignung nach 1945 (!!) und ihr Aufleben zugleich mit der Wiedereinf├╝hrung des Namens Jacobson im Jahre 1975.

Die beiden Schriften zum Jubil├Ąum k├Ânnen vom Jacobson – Gymnasium ├╝ber Herrn O.St.R. Joachim Frassl (Leiter des Archivs) erworben werden. Die Arbeit von M. Berg ist ├╝ber den Buchhandel zu erhalten.

 

 

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Anmerkungen:

(1) 1. Meike Berg, J├╝dische Schulen in Niedersachsen. Tradition – Emanzipation – Assimilation. Die Jacobson-Schule in Seesen ( 1801-1922). Die Samsonschule in Wolfenb├╝ttel (1807-1928) In: Beitr├Ąge zur historischen Bildungsforschung  Band 28. K├Âln 2003 / 2. Rolf Ballof/Joachim Frassl, 200 Jahre Jacobson-Schule Seesen, Seesen 2001 / 3. Rolf Ballof/Joachim Frassl, 200 Jahre Jacobson-Schule Seesen  - Dokumentation  Seesen 2003 /

(2) Rolf Ballof, Zur Geschichte der Jacobson-Stiftung. Seesen 2003

(3) Es sei darauf hingewiesen, dass die folgende Darstellung ein St├╝ck weit ÔÇ×selbstreferenziell“ ist.

(4) Hans-Michael Bernhardt, Bewegung und Beharrung Hannover 1998

(5) ÔÇ×Dibre shalom We-Emet“ ÔÇ×Worte des Friedens und der Wahrheit“ 1782 v.a. Kapitel 3-4.

(6) vgl. dazu die Gliederung der Festschrift: 1. Die Schule 1801 bis 1814, 2. Die Schule 1814 bis 1838, 3. Die Schule 1838 bis 1847 – Neue Aufgaben, 4. Ginsberg (1847 – 1862) – Konsolidierung, 5. Arnheim (1862 – 1885) – j├╝dische und zugleich ├Âffentliche Schule?, 6. Philippson 1886 - 1907  – auf dem Weg zur Stadtschule?, 7. Von der Jacobson-Schule zur Oberrrealschule, 8. Die Staatliche Oberrealschule – nicht einmal mehr die ehemalige Jacobson-Schule, 9. Ein neuer Beginn

10. Dr. Brendel 1957- 1970 – Neubau der Schule und Sch├╝leropposition

(7) Offen bleibt die Frage, warum j├╝dische Eltern ihre S├Âhne auf die Jacobson – Schule schickten. Mag das bei den Freisch├╝lern, die keine Kosten zu tragen hatten, noch erkennbar sein, so bleiben ├╝ber die Motive der zahlenden Eltern nur Spekulationen m├Âglich. Famili├Ąre Bedingungen, Ferne der Wohnung von h├Âher qualifizierenden Schulen, aber auch bewusstes Bildungsinteresse reformj├╝discher Familien an j├╝disch-liberaler Erziehung m├Âgen Motive sein, die allerdings schwer zu quantifizieren sind. s. auch Anm. 8

(8) S. dazu demn├Ąchst Rolf Ballof, Die Jacobson- Schule im Raum der deutschen L├Ąnder und im Ausland

(9) Es kann mit Recht bezweifelt werden, dass das urspr├╝ngliche Ziel Jacobsons angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung noch tauglich d.h. realit├Ątsad├Ąquat war. Es war deshalb notwendig, die Ziele der Schule neu zu bestimmen.

(10) M. Berg S. 247

(11). M. Berg S. 247

(12) M. Berg S. 251

(13) M. Berg S. 50 - 51

(14) s. Ballof/Frassl, Festschrift S. 23

(15) M. Berg S. 245

(16) M. Berg S. 244

(17) M. Berg S. 249

(18) M. Berg S. 248-249

(19) u.a. Gerhard Ballin  Die Jacobson-Schule in Seesen. Ein Beitrag zu ihrer Geschichte. In: Tausend Jahre Seesen Beitr├Ąge zur Geschichte der Stadt Seesen am Harz 974 – 1974. Seesen 1974, S. 349-403

 


Internettipp zur j├╝dischen Freischule in Berlin:

"Da├č die Kinder aller Confessionen sich kennen, ertragen und lieben lernen." Die j├╝dische Freischule in Berlin zwischen 1778 und 1825. Von Peter Dietrich und Uta Lohmann, erschienen in:
Ingrid Lohmann, Wolfram Wei├če (Hrsg.): Dialog zwischen den Kulturen. Erziehungshistorische und religionspdagogische Gesichtspunkte interkultureller Bildung. M├╝nster, New York 1994, 37-47. Der Beitrag steht online auf der Seite der Erziehungswissenschaften der Universit├Ąt Hamburg: hier. Zum Inhaltsverzeichnis des Buches: hier.

 

 

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