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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - JŘdisches Museum Frankfurt

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hlands (VGD)

Mittelalter 4:
Christen und Juden / Koexistenz und Konfrontation (2)

Thema:
Koexistenz und Konfrontation zwischen Christen und Juden in der mittelalterlichen Stadt

1. Judengasse:
auf Mittelalter 3
2. Judenhut, Gelber Fleck oder Gelber Ring: hier auf der Seite

Note bene: Das Thema Ghetto wird seiner historischen Einordnung entsprechend auf der Seite Fr├╝he Neuzeit behandelt.

 

2. Judenhut, Gelber Fleck oder Gelber Ring...
Kennzeichnung an der Kleidung und Stigmatisierung

In mittelalterlichen Abbildungen sind m├Ąnnliche Juden mit dem seltsamen Judenhut abgebildet, der wie ein umgekehrter Trichter aussieht. Eine sch├Âne Darstellung davon gibt es im Codex Manesse mit dem Bild des einzigen j├╝dischen Minnes├Ąngers, S├╝sskind von Trimberg.

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Codex Manesse, fol. 355r, S├╝sskind, der Jude von  Trimberg

Wikimedia Commons

Der Codex Manesse entstand zwischen 1305 und 1340 in Z├╝rich.

Auf der Seite der Universit├Ąt Heidelberg, die den ganzen Codex digitalisiert und ins Netz gestellt hat, gibt es auch die dazu geh├Ârende Textseite: hier.

 

Bei diesem Judenhut handelte es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um eine realistische Darstellung der Kopf- bedeckung, sondern um ein ikonographisches Zeichen, dass die Juden in solchen Darstellungen  kennzeichnen sollte. So wurden auch Juden in biblischen Szenen anachronistisch mit dem Judenhut dargestellt und dadurch meistens negativ stigmatisiert, eine der drastischsten Abbildungen in der Katharinenkapelle Landau verbindet dies mit dem Vorwurf des Christusmordes, obwohl die Strafe damals von den R├Âmern ausgesprochen und ausgef├╝hrt worden war.

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Wandmalerei aus der Katharinenkapelle in Landau, 14. Jh.

Wikimedia Commons

 Die Abbildungen des Judenhutes verschwinden gegen Ende des Mittelalters, daf├╝r treten der Gelbe Fleck oder der Gelbe Ring in den Vordergrund. Typisch f├╝r die weit verbreitete Vorstellung von dieser Kennzeichnungspflicht ist der Eintrag auf Wikipedia:

“Der Gelbe Ring (je nach Ausf├╝hrung auch Judenring, Judenkreis, Gelber Fleck oder rouelle - frz. ’Scheibe’ - genannt) war im Mittelalter eine f├╝r Juden vorgeschriebene Kennzeichnung: Sie mussten seit dem 13. Jahrhundert in vielen L├Ąndern und Regionen Europas  ein Stoffst├╝ck in Kreis-, Ring- oder Rechteck-Form au├čen sichtbar -  meist vorn in Brusth├Âhe - auf der Kleidung tragen.” (Gelber Ring, 15.8.2010)

Der Bezug auf das 13. Jh. meint nat├╝rlich das IV. Lateranische Konzil von 1215, das als Standardreferenz f├╝r alle diskriminierenden Ma├čnahmen gilt. Auch der renommierte franz├Âsische Historiker Robert Fossier, den wir schon bez├╝glich der Ghettoproblematik zitiert haben (siehe auf Mittelalter 3: hier), meint:

“Auf dem Vierten Laterankonzil von 1215 verpflichtete Papst Innozenz III. die Juden, eine besondere Kopfbedeckung, den ‘Judenhut’, und ein Erkennungszeichen an ihrem Gewand, den ‘Gelben Ring’ zu tragen.”
Robert Fossier: Das Leben im Mittelalter, M├╝nchen (Piper) 2009, S.371. [Ces gens du Moyen Age, Paris, 2007]

An diesem Satz ist so ziemlich alles falsch: Vom Judenhut und vom Gelben Fleck ist in dem betreffenden Text ├╝berhaupt nicht die Rede, der ├╝brigens ein Konzilsbeschluss war und kein Diktat des Papstes. In Wikipedia wird der Passus mit der Kennzeichnungs- pflicht durchaus richtig zitiert, aber ohne ├╝ber die Bedeutung nachzudenken, wonach n├Ąmlich Juden und Sarazenen sich lediglich in der Kleidung von den Christen unterscheiden sollen. Kein Judenhut, kein Gelber Fleck. Wir haben den Konzilsbeschluss ausf├╝hrlich auf Mittelalter 1 dokumentiert und kommentiert: hier. Der Konzilsbeschluss zielte auf die Probleme in den Kreuz- fahrerstaaten, Spanien und Sizilien ab, wo Christen, Juden und Muslime zusammenlebten.

In einigen Varianten, einer Minderzahl, der Rechts-Codices (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel...) gibt es Anmerkungen zum Tragen des Hutes “nach Verlassen der Synagoge”, an anderen Stellen ist vom Tragen des Hutes bei der Eidesleistung die Rede.
Christine Magin: “Wie es umb der Iuden recht stet”. Der Status der Juden in sp├Ątmittelalterlichen deutschen Rechtsb├╝chern.  G├Âttingen (Wallstein) 1999, S.158f.

Im Sachsenspiegel wurde ferner auf die einzuhaltende Haartracht von M├Ânchen und Juden hingewiesen, was jedoch, schon durch die Parallelisierung, per se keine diskriminierende Absicht erkennen l├Ąsst. ├ťberhaupt ist gegen├╝ber der Stigmatisierungsthese zu beachten, “dass sich viele mittelalterliche Bev├Âlkerungs- oder Berufsgruppen ├Ąu├čerlich von anderen unterschieden; besondere Kleidung musste also nicht an sich diskriminierend sein.” Magin, op. cit., S. 151.
F├╝r den Judenhut, der jedoch auch nach Christine Magins Ansicht im “Reich und in Nordfrankreich [...] ├╝blich war” und ihrer Meinung nach sogar “freiwillig getragen” wurde (loc. cit., S. 147), nennt die Autorin jedoch keinen Beleg. Abbildungen von Judenh├╝ten aus der sog. Maciejowski- oder Kreuzfahrerbibel (Mitte 13. Jh., Frankreich)  zeigen ganz unterschiedliche Formen, neben dem “typischen”, oben spitz zulaufenden  und in einem kleinen Ball oder einer Bommel endenden Judenhut wie in der Abbildung von S├╝sskind von Trimberg auch eher allt├Ągliche, kapuzenartige Kopfbedeckungen (hier).

Judenhut_Sachsenspiegel

Die dem stilisierten Judenhut als Symbol zugrunde liegende reale Kopfbedeckung k├Ânnte in der Tat eine Art Kapuze oder ein kapuzen├Ąhnlicher Hut gewesen sein, wie sie auf dem bekannten Bild des Heidelberger Sachsenspiegels zum K├Ânigsfrieden zu sehen ist (siehe hier). Das Symbol k├Ânnte aus der Besonderheit entstanden sein, dass (m├Ąnnliche) Juden im Mittelalter generell eine Kopfbedeckung trugen als Zeichen der Fr├Âmmigkeit, nicht nur wie heute in der Synagoge oder auf dem Friedhof, im ├ťbrigen tragen auch heute fromme Juden die Kippa st├Ąndig.

Bis sich die allgemeine Kennzeichnungspflicht durch den Gelben Fleck oder Ring in Mitteleuropa durchsetzte, dauerte es noch Jahrhunderte.  Am schnellsten erfolgte die Umsetzung in Frankreich 1269 durch ein Dekret des K├Ânigs, Ludwigs des Heiligen, dies war dort aber bereits ein Schritt auf dem Weg zur Ausweisung der Juden, die in den n├Ąchsten Jahrzehnten mit einigem Hin und Her erfolgte. Auf dem Reichsgebiet gab es unterschiedliche Regelungen zu unterschiedlichen Zeiten, der Gelbe Fleck oder Ring wurde jedoch erst ab dem 15. Jh. nach und nach durchgesetzt, so in S├╝ddeutschland im Zusammenhang mit dem Basler Konzil in den 30er und 40er Jahren, in Frankfurt zusammen mit der Errichtung des Ghettos 1462, und in den Habsburgischen L├Ąndern sogar erst sp├Ąter im 16. Jh. Christine Magin bilanziert die Versuche der Einf├╝hrung des Gelben Flecks im 15. Jh. so: “Bis ins 16. Jahrhundert hinein bem├╝hten sich Geistliche, F├╝rsten und auch St├Ądte um die Durchsetzung des nunmehr gelben Judenabzeichens, konnten aber keine dauerhaften Erfolge verzeichnen.”
Magin, o. cit., S.157. Vgl. auch: Karl Heinrich Rengstorf / Siegfried von Kortzfleisch (Hg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte der Christen und Juden. Darstellung und Quellen, Bd.1, M├╝nchen/Stuttgart (dtv/Klett-Cotta) 1988, S.224.

So ist der Gelbe Fleck oder Ring letztlich keine mittelalterliche Erscheinung im allgemeinen Sinne, sondern allenfalls eine des sp├Ąten Mittelalters, haupts├Ąchlich aber der Fr├╝hen Neuzeit.

Im ├ťbrigen kann man davon ausgehen, dass sich ohnehin die verschiedenen Bev├Âlkerungsgruppen an der Kleidung unter- schieden und darunter auch die Juden von Alters her. Diese Unterscheidung nach der st├Ąndischen Ordnung und mit feineren Unterscheidungen nach Beruf und sozialem Status hatte, au├čer ein Abbild dieser hierarchischen Ordnung zu sein, keine beson- dere diskriminierende Bedeutung. So waren die diesbez├╝glichen die Juden betreffenen Vorschriften in der K├Âlner Judenordnung von 1404 Teil allgemeiner Kleidervorschriften (vgl. in Rengstorf/Kortzfleisch, op. cit., S.226). Proteste der Juden gegen die Einf├╝hrung des Gelben Flecks bezogen sich denn auch auf bereits existierende Unterschiede in der Kleidung. Noch 1418 gestand ihnen Papst Martin V. auf dem Konstanzer Konzil zu, nur die “gewohnten Abzeichen” tragen zu m├╝ssen (cf. Magin, S.157). Die Diskriminierung kam tats├Ąchlich erst mit dem Gelben Fleck, und eben erst sehr sp├Ąt.

Die Versch├Ąrfung der judenfeindlichen Ma├čnahmen von offizieller Seite her (Kirche und weltliche Macht) im 15. und mehr noch im 16. Jh. ist eindeutig auch im Zusammenhang der Krise der katholischen Kirche und ihres Kampfes gegen Ketzerbewegungen und vorreformatorische radikale Kirchenkritik zu sehen. Die Juden wurden zunehmend als Teil einer kirchenfeindlichen Front betrachtet und z.B. auf dem Basler Konzil auf die Seite der Hussiten gestellt. Die Vertreibungen des 15. Jh.s sind zum Teil auch unter diesem Aspekt zu sehen. Hinsichtlich aller Ma├čnahmen gegen die Juden, von der Kennzeichnungspflicht ├╝ber das wiederholte Wucherverbot bis hin zur letztlichen Vertreibung, sah sich die Kirche jedoch heftigen inneren Konflikten ausgesetzt. So handelte der p├Ąpstliche Legat und “2. Mann” nach dem Papst, Nikolaus von Cues,  auf einigen Provinzkonzilien im Reich 1450/51 Judenordnungen mit der Pflicht zum Gelben Ring und zum Wucherverbot aus mit Strafandrohung f├╝r die ├Ârtlichen kirchlichen Instanzen bei Nichtbefolgung der Durchsetzung. Nach heftigem Protest seitens der St├Ądte und des Kaisers wurden die Dekrete von Papst Nikolaus V. relativiert durch die Ma├čgabe, den Christen d├╝rfe daraus kein Nachteil entstehen (gemeint war damit v.a. das Ende des Geldverleihs), so dass sie letztlich au├čer Kraft gesetzt wurden. Umgekehrt gab es von Seiten der Bettelorden von Italien bis Deutschland eine heftige antij├╝dische Polemik in Predigten und ├Âffentlichen Auftritten, die die P├Ąpste zeitweise auch wieder in die andere Richtung schwanken lie├čen (vgl. in Ringtrorf/Kortzfleisch, S.224-227). Radikale Wechsel von der einen in die andere Richtung gab es auch in etlichen St├Ądten, die erst gegen versch├Ąrfte antij├╝dische Ma├čnahmen protestierten und wenig sp├Ąter die Juden aus der Stadt verwiesen.

Insgesamt zeigte sich der Autorit├Ątsverlust von Papst und Kirche sowie Kaiser auch in dieser Frage. Die letzten Entscheidungen ├╝ber das Verh├Ąltnis zwischen Christen und Juden trafen die St├Ądte oder F├╝rsten immer mehr selbst, wenn sie auch darauf achteten ein m├Âglichst f├╝r sie g├╝nstiges Placet durch Kirche oder Kaiser  einzuholen und die Befreiung von der Autorit├Ąt der letzteren auch nicht ├╝berall gelang, wie das Beispiel Worms zeigt (siehe Mittelalter 3).

W. Geiger, 15.8.2010; 2.9.2014

Wird fortgesetzt...

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